Marianne Merz


Frau mit Leidenschaft: Marianne Merz malt und zeichnet, was sie sieht und was sie umtreibt: Früchte, Landschaften, Bibel- und Märchengestalten, Akte – es gibt kaum etwas, was sie kalt lässt. Das Foto zeigt sie mit dem Pastell "Michal" aus ihrer Reihe „Frauen der Bibel“, die 2003 im Evangelischen Gemeindezentrum Mannheim-Vogelstang und später an mehr als zwanzig weiteren Orten ausgestellt wurde. Einer ihrer Themenkomplexe sind jedoch Schleusen – Orte, auf denen der Mensch gegen das Chaos der Natur kämpft. Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)

Kunst und Kosmos dankt für die freundliche Erlaubnis zur Reproduktion des Porträtfotos von Manfred Rinderspacher sowie der Künstlerin für die Erlaubnis zur Reproduktion ibrer Bilder

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Übersicht Bildende Kunst

18-05-2006
Update 31-07-2016

Natur und Technik, ein Kampf voll Farben und Poesie

Malerin Marianne Merz entdeckte in den achtziger Jahren die Schleuse als Thema ihres Lebens

Von Christel Heybrock

Es ist schon ein seltsamer Zwiespalt in uns Menschen: Einerseits sind wir biologische Wesen, von der Natur mit Lebenskräften nicht anders als Pflanzen und Tiere ausgestattet. Andererseits zwingt unser spezielles Bewusstsein uns zur Distanz von der Natur, die wir manchmal gar als Gegner empfinden. Spezielles Bewusstsein? Es ist meist identisch mit schnöde zweckgerichtetem Denken: Wie können wir Naturkräfte und Materie zu praktischem Nutzen ausbeuten? Tiefer ist der Widerspruch wahrscheinlich gar nicht verankert – und doch bestimmt er unsere Existenz.


"Freude" nannte die Mannheimer Malerin Marianne Merz dieses 1999 entstandene Ölbild, das einerseits expressiv einen Stimmungszustand vermittelt, andererseits aber sehr konstruktiv "gebaut" ist. Marianne Merz drückte hier zudem ein Lebensprogramm aus - sie malt sicherlich mit einer unerschöpflichen Freude an Farben, aber auch Motive ihres zentralen Themas klingen hier an: die Schleuse. Eine kleine Leiter, Rundformen als Windenköpfe oder Poller sowie das Blau als Wasser erinnern daran.

Die Malerin Marianne Merz hat sich diesen Widerspruch irgendwann zunutze gemacht als Polarität, die ihre Arbeit immer neu beflügelt. Das war in der Mitte der achtziger Jahre, als sie sich in der Nähe von Dijon in ein Schleusenwärterhäuschen am Canal de Bourgogne verliebte, genauer gesagt in die Ecluse 23 (S) in Veuvey-sur-Ouche, die sie zu ihrem zweiten Atelier machte (das „erste“ befindet sich im Industriepark Freudenberg in Weinheim, und die am 26. Mai 1936 in Berlin geborene Künstlerin lebt privat seit 1968 in Mannheim). Der Canal de Bourgogne ist eine einzige Schleusenstrecke, entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Tore, die das Wasser zurückhalten, stauen und dann wieder frei lassen, waren einst aus Holz und sind längst aus Stahl, aber ländlich-idyllisch ist es dort immer noch – Natur und Technik im leisen, stetigen, inspirierenden Kampf.


So prosaisch sieht es in Wirklichkeit aus am Canal de Bourgogne. Was Marianne Merz dem Motiv der Schleusentore entnimmt, ist jedoch eine nicht enden wollende Inspiration.

Das Schleusentor, von Wasser überspritzt, ein kleiner Windenkopf, beziehungsweise ein Poller überragt den Kampf zwischen Menschenwerk und Naturelement. Skizzen wie diese beiden hat Marianne Merz in immer neuen Varianten aufs Papier geworfen.

Maler müssen malen, was sie sehen, und Marianne Merz konnte nicht aufhören hinzusehen. Vermitteln ihre frühen Schleusenbilder aus den achtziger Jahren noch eine von geometrisch-technoiden Formen bestimmte Auseinandersetzung, bei der Farbflächen etwas tastend nebeneinander gesetzt wurden, so hat sie sich inzwischen eine immer größere Freiheit und einen souveränen, gelösten Umgang mit ihrem Thema errungen. Das Wasser mit seiner chaotischen, mühsam gebändigten Energie spielt einen höchst lebendigen Part gegen die menschengemachte Technik aus Toren, Leitern, Brücken, Pollern, Winden und Geländern. Wenn Marianne Merz nach jahrelangen Beobachtungen sicher ist, dass das Wasser langfristig über die Technik siegen wird, dann sieht man das zunehmend auch ihren Bildern an, deren Formen von Farbspritzern übersprüht werden und sich mitunter wie in einer Gischt aus Farben behaupten müssen.

Marianne Merz, gelernte Elektrotechnikerin, bevor sie ein Kunst- und Mathematikstudium begann, hat mit einer überwältigenden Freude an Farben immer ein breites Spektrum von Themen bearbeitet, auch die Figur spielt eine bedeutende Rolle bei ihr, von Aktdarstellungen bis hin zu archaischen Bibel- und Christusfiguren. Aber die Schleusenbilder und die Themen, die sich aus diesem Umfeld ergaben („Portas“, „Fluids“, Wasser- und Flügeltore, Videofilme und eine große Installation mit ineinander greifenden Zahnrädern), sie kommen ohne jeden Anflug von Figur aus, sie dokumentieren nicht einmal die abbildgenaue Wirklichkeit. Genau darin besteht ihr Reiz: im Irisieren zwischen Gegenstand und Abstraktion. Wirklichkeit wird eben nicht auf ihre banale sichtbare Oberfläche reduziert, sondern auf den Widerstreit der Kräfte, die ihr zugrunde liegen. Und so entwickelt Marianne Merz in unerschöpflichen Variationen Bilder, in denen die Rundungen des weißen Geländers, die Rechteckflächen der Schleusentore und Schieber, die dicken runden Poller nebst den kleineren Windenköpfen und die eisernen Leitern ein Formengerüst für das Rinnen, Sprühen, Brausen, Glitzern und Dampfen des Wassers abgeben.

Der Kampf der Gegensätze zwischen dem Festen (das nur zu vergänglich ist) und dem ewig Chaotischen, das seine Form erst durch die temporäre Bändigung bekommt, dieser Kampf ist bei Marianne Merz ein Fest von Farben und Poesie. Das Licht gibt dabei die eigentliche Dimension des Lebendigen ab, es ist das Licht, das dem Wasser seine Reflexe, seine Tropfen, sein machtvoll sich zwischen die Tore drängendes Spritzen verleiht. Dabei sind es nicht allein die traditionellen Mittel von Pinsel und Farbe, mit denen die Künstlerin Licht einfängt, sondern auch eine potentiell unbegrenzte Auswahl von Materialien, mit denen ihre Bilder zu Mischtechniken, Collagen, mitunter gar zu Reliefs werden (für die „Portas“ benutzte sie beispielsweise Pappkartons, Kaninchendraht und Obstkisten, und die „Fluids“ bestehen ohnehin aus Laborgläsern in verschiedensten Formen, gefüllt mit sich verändernden blauen Flüssigkeiten).

Bleibt man bei den Schleusen und ihrem Themenumfeld, so scheinen Wellpappestückchen ideale Assoziationen von Leitern abzugeben; Hemdsärmel, Segeltuchfetzen oder Sand schaffen eine fast „landschaftliche“ Rauigkeit und Lichtbrechung, während Papiere, die mit Regenwasser, Kaffee oder Rotwein getränkt sind, eine geheimnisvolle Dichte und zugleich Transparenz suggerieren. Auch Sauerampfer, Metallstückchen, Hagebuttentee, Nagellack und Lippenstift werden nicht verschmäht – es scheint, dass man nichts herumliegen lassen kann, ohne dass Marianne Merz davon inspiriert würde. Und während die großen Acrylbilder in Weiß, Blau und Rot leuchten, bilden gerade die kleinformatigen „Skizzen“ Kabinettstückchen fantasievoll eingesetzter Materialien.


"Kleine rote Brücke", ein Gemälde aus dem Jahr 2000. Wasser, die Brücke als zentrale Verklammerung und die Formen von Landschaft und Vegetation sind aufgelöst in ein freies Spiel aus Farben. Die Leuchtkraft der Bilder von Marianne Merz resultiert unter anderem aus ihrem vitalen Umgang mit den Grundfarben Blau, Rot und Gelb.

Seit der Jahrtausendwende scheinen die Bilder noch einen tieferen „Atemzug“ zu bekommen, ein vitaleres, grundsätzliches Insichruhen. Sie bieten dem Betrachter ihr Motiv nicht mehr als rechtwinklig definierte Fläche dar, wie man es von einem ordentlichen Bild gewöhnt ist, sondern suggerieren leise und unaufdringlich einen kosmischen Bezug, der jedwedes Motiv ins Allgemeingültige steigert. Formal wird das durch eine einfache, aber folgenschwere Halbkreisbiegung im oberen Drittel der Malfläche erreicht (siehe Foto oben: "Freude"): Es ist, als blickte man auf die Erde in ihrer Gesamtheit als planetarer Himmelskörper oder zumindest bis zu einem Horizont, der die Form einer Kugel ahnen lässt. Manche Bilder wecken dabei mit der Präsenz des Blau eine Ahnung von der Kraft und Weite der Ozeane, andere berühren durch wundersame, feine Naivität: Hoch oben auf den Kuppen des Himmelskörpers Erde erheben sich ein paar wie mit Kinderhand hingekrakelte Bäumchen, ein kleines Haus mit Kirchturm, eine Blume.


"Blühende Bäume", Ölbild aus dem Jahr 2000. Landschaftsformen sind nur noch angedeutet, die atmosphärische Tiefe des hellblauen Hintergrunds wird vorbereitet und zugleich stabilisiert durch die drei wolkenweißen Bäume, die den Mittelgrund rechts vom Zentrum betonen. Das Bild lebt erneut von der Leuchtkraft des Blau, Rot und Gelb (Grün entsteht bekanntlich durch Blau + Gelb).

„Landschaft“ nennt Marianne Merz solche Darstellungen lakonisch, und hier treffen die Schleusenbilder wieder mit ihren anderen Landschaftsdarstellungen zusammen. Die Frage, wo in ihr überhaupt die Basis für das breite Themenspektrum angesiedelt ist, zu dem auch expressive Stimmungs- und halb abstrakte Märchenbilder gehören, lässt sich nur mit dem Hinweis auf ihr vitales Können und ihre ebenso kontrollierte wie fundamentale Lust an Farben beantworten. Mittlerweile scheint es jedoch, als brauchte sie immer weniger Mittel, um immer mehr zu sagen, und als sei ausgerechnet im Alter ihr Temperament fast mit dem des Wassers verwandt: Gebändigt und frei gelassen zugleich, bergen sie beide nicht nur erstaunliche Energien, sondern auch ein ungeahntes Reservoir an Poesie.


Akte - Marianne Merz kann alles, von traditioneller Figurendarstellung mit korrekten Proportionen bis hin zum freien Spiel mit Formen. Wie viele Körper sind hier zu sehen? Mehrere jedenfalls - oder gar keine mehr, sondern nur noch Rundformen, mit denen dynamisch-expressive Teilflächen akzentuiert werden. Das Ölbild mit dem Titel "Zusammen" entstand 2010, aber Aktdarstellungen werden von der Malerin immer wieder aufgegriffen, 2016 auch im Rahmen einer Performance mit Opernsängerin und Aktmodell.

Info:

- „Schleusenbilder. 20 Jahre künstlerische Auseinandersetzung mit Natur und Technik“, Katalog zum 70. Geburtstag von Marianne Merz 2006, 40 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 12 Euro, erhältlich bei der Künstlerin

- mail@marianne-merz.de

- http://www.mariannne-merz.de

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