Mumien


 
Titelseite des Ausstellungsflyers der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen 2007/2008. Das Foto zeigt einen ägyptischen Mumienkopf aus dem Merck-Archiv Darmstadt, der von einer 30 bis 50 Jahre alten Person stammt. Foto: Jean Christen/rem (Copyright)

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Übersicht Archäologie

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23-02-2008/ Update 22-07-2015

Die Mannheimer Ausstellung (September 2007 bis Mai 2008) wurde von mehr als 190.000 Menschen besucht, seither ist sie in verändertem Umfang auf Tournee durch Europa und die USA. Bis Juni 2015 hat die Schau mehr als zwei Millionen Besucher angezogen.
Vom 11. Juni 2015 bis 10. Januar 2016 macht sie Station im Nationalmuseum für Geschichte und Kunst in Luxemburg.
2009 war sie im Ötzi-Museum Bozen zu sehen, von 2010 bis 2013 ging sie an sieben Stationen in USA, den Anfang machte das California Science Center in Los Angeles.

 

Dauer – das seltene Geschenk des Todes

Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen als neue Institution der Mumienforschung mit einer ungewöhnlichen Ausstellung

Von Christel Heybrock

Das Leben ist ein Lächeln, ein Atemzug, ein Wimpernschlag. In keiner Sekunde sind wir lebend die Gleichen wie zuvor und danach. Unsere Existenz ist ein unaufhaltsames, wirbelndes Fließen, unser Blut ein Pulsieren, unser Denken ein lautloses Brodeln. Erst im Tod kommt dieser Strom aus flüchtigen Momenten zum Stillstand. Sind wir erst im Tod ganz wir selbst, unumstößlich, unumkehrbar?

Im Tod sind wir nichts mehr, wir sind die erstarrte Hülle dessen, was wir waren. Aber der Gedanke scheint nur zu menschlich und in jeder Kultur auf der Erde präsent (gewesen) zu sein, dass wir uns die Endgültigkeit unserer Niederlage nicht wirklich vorstellen können und die Verhältnisse dann einfach umgekehrt definieren. Dass die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen (rem) der wohl ungewöhnlichsten Ausstellung ihrer Geschichte den Titel „Mumien. Der Traum vom ewigen Leben“ gaben, kündet von dieser Haltung: Die endgültige, den Veränderungen des Lebens nicht mehr ausgesetzte Hülle wird als das Leben selbst, als Geschenk der Ewigkeit aufgefasst.


 

Mumifiziertes Kind aus Ungarn. Natürliche oder intentionelle Mumifizierung? 1994 wurde bei Sanierungsmaßnahmen in der Dominikanerkirche der Kleinstadt Vac eine  zugemauerte und vergessene Krypta entdeckt. In reich verzierten Särgen fanden sich nicht weniger als 265 mumifizierte Menschen, darunter der kleine, laut Sterberegister im Alter von einem Jahr gestorbene Johannes Orlovits (1800-1801). Die Beine sind zusammengebunden, um die Rückkehr der Seele aus dem Jenseits zu verhindern. Sein fünf Jahre später gestorbener Vater Michael, seine Mutter und eines seiner Geschwisterkinder befanden sich ebenfalls in der Krypta. Hatte man die Leichen gezielt zur Mumifizierung dorthin gebracht oder geschah die Mumifizierung unbeabsichtigt aufgrund der besonderen Klimaverhältnisse in der Krypta? Die Familie Orlovits ist heute im Besitz des Nationalmuseums für Naturkunde in Budapest. Foto: B. Szandelsky Copyright

Mumien ordnen wir im allgemeinen der altägyptischen Kultur mit ihrer hoch entwickelten Kunstfertigkeit der Totenkonservierung zu. Der Begriff Mumien wird in Mannheim aber sehr viel weiter gefasst und enthält neben der künstlichen Weichteilerhaltung toter Organismen – Menschen und Tiere – auch die sogenannte „intentionelle“ und schließlich die natürliche Mumifizierung. Als intentionell bezeichnet man eine zwar beabsichtigte, aber nicht durch menschliches Eingreifen erzeugte Konservierung von Leichnamen: Man bringt den Toten an einen Ort, der seine Erhaltung auf natürlichem Weg garantiert, etwa ins Eis, in die Wüste, ins Moor. Darüber hinaus gibt es weltweit eine Fülle mumifizierter Körper, die sich unbeabsichtigt an solchen besonders begünstigten Plätzen erhalten haben. Die Mannheimer Ausstellung enthält mit ihren über 60 Exponaten Beispiele nicht nur für alle drei Mumifizierungsarten, sondern auch Belege für Mumifizierungen rund um den Globus, von allen Kontinenten.

Wieso ausgerechnet in Mannheim? Wieso hat sich in den letzten Monaten ausgerechnet hier ein wissenschaftlich seriöses Mumienforschungsprojekt etabliert? Halb und halb ist das ein Zufall. Das Zeughaus, neben dem Barockschloss das wohl wichtigste barocke Bauwerk aus Mannheims großer, der Kurfürstenzeit, musste zwischen 2004 und 2007 restauriert werden, was mit Millionenaufwand und sehr sorgfältig geschah. Die im Haus untergebrachten stadtgeschichtlichen Sammlungen wurden umgeräumt und ausgelagert – und dabei passierte es: 2004 entdeckten die Museumsleute eine Reihe verstaubter Vitrinen, die niemand mehr wahrgenommen hatte, aber in denen sage und schreibe 19 Mumien oder Mumienreste zutage traten, unter anderem Relikte eines 1917 von den Stadtvätern erworbenen Nachlasses: Einige Mumien lagen noch in denselben Vitrinen, in denen der Münchner Historienmaler und Kuriositätensammler Gabriel von Max (1840-1915) sie aufbewahrt hatte. Es war klar, dass die empfindlichen Stücke nicht einfach registriert und irgendwo wieder abgestellt werden konnten. Im Zuge des drei Jahre dauernden rem-Forschungsprojekts wurden die Mumien gründlich untersucht, aber auch zwecks langlebiger Erhaltung restauriert. Dabei kamen modernste Untersuchungsmethoden zum Einsatz wie Computertomographie, Rapid Prototyping, DNA-Analysen und Radiometrie. Noch im März 2009 wurden auf einem internationalen Mumienkongress in Bozen die jüngsten Forschungsergebnisse zu einer peruanischen Mumie aus der Sammlung Gabriel von Max publiziert: Die aus der peruanischen Chancay-Kultur stammende Frau aus dem Jahr 1415 hatte offenbar an einer höllisch schmerzhaften Knochentuberkulose mit Auflösung von Wirbeln gelitten. Die Gegenstände in ihren geschlossenen Händen wurden mittels der nichtinvasiven Rapid Prototyping Methode als zwei Kinderzähne identifiziert.

Die Ausstellung enthält sowohl Mumien aus dem eigenen Museumsbestand als auch Leihgaben aus Europa und darüber hinaus. Dass sensible Zeitgenossen beim Rundgang ein flaues Gefühl in der Magengrube bekommen können, liess sich nicht vermeiden, aber der Inszenierung der Exponate kann niemand Effekthascherei oder (wie von Leuten kritisiert wurde, die die Ausstellung nicht besucht hatten) gar „Mumienpornographie“ vorwerfen. Der Besucher wird vielmehr behutsam in die Thematik eingeführt und zunächst mit der Begriffsklärung des Wortes Mumia (Erdwachs, teerartige Balsamierungsreste) und dann mit natürlichen Mumifizierungsprozessen bei Tieren, schließlich bei Menschen konfrontiert. Dann erst schließt sich ein Gang durch die Kulturen an – zu dem auch Exponate aus dem europäischen Mittelalter, ja sogar aus dem 18. Jahrhundert gehören. Die Schau endet mit modernen Konservierungsmethoden wie der Kryonik, dem Einfrieren von Leichnamen in flüssigem Stickstoff. Die Säle werden dominiert von leuchtenden Großfotos der Landschaften, in denen Mumifizierung ein natürliches oder ein kulturelles Phänomen war (Wüste, Eis, Moor, Höhlen), die Exponate selbst werden sehr zurückhaltend in behutsam beleuchteten Vitrinen präsentiert.


 

Das "Mädchen von Windeby", eine Moormumie aus Schleswig-Holstein, ist tatsächlich ein unterernährter Junge.
Foto: Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf (Copyright)

Sensationslüsterner Schauder ist also nicht das Resultat des Projekts. Was dann kam dabei heraus? Vor allem erstaunliche Details über Leben und Tod der Menschen, die hier leibhaftig anwesend sind. Da ist das berühmte „Mädchen von Windeby“, eine 1952 durch Torfarbeiter südlich von Eckernförde entdeckte Moorleiche, die vom Archäologischen Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig-Holstein nach Mannheim ausgeliehen wurde (die Ausstellung wurde anschließend auch auf Schloss Gottorf gezeigt). Der Fund hatte in den fünfziger Jahren eine herzzerreissende Spekulation ausgelöst, es handle sich um eine mit 14 Jahren grausam hingerichtete und ins Moor geworfene Ehebrecherin. Die aktuellen Untersuchungsergebnisse sind freilich völlig anders, wenn auch nicht weniger erschütternd: Das vermeintliche Mädchen entpuppte sich bei jüngsten DNA-Untersuchungen als etwa 15jähriger Junge, dessen Knochenstruktur auf eine chronische Krankheit oder notorische Unterernährung hindeutet, hinzu kam eine schlimme und sicher sehr schmerzhafte Kiefervereiterung.

Die Auffassung, Menschen hätten „früher“ so viel gesünder gelebt als wir heute, muss man bei der Lektüre der Informationstexte in der Ausstellung, vor allem aber auch bei der Durchsicht des Kataloges gründlich revidieren. Zu den chinesischen Mumien (es gibt sie vom 11. Jahrhundert vor Christus bis zum 18. Jahrhundert nach Christus) gehört beispielsweise die Feuchtmumie der Fürstin von Dai (nicht in der Ausstellung zu sehen). Die Dame starb um 170 v. Chr. im Alter von 50 Jahren, sie war 1,54 Meter gross und etwa 34 Kilo schwer, einige ihrer Gelenke sind noch beweglich, das Bindegewebe enthält sogar noch Kollagenfasern. Woran starb sie? Offenbar an einem Herzinfarkt infolge einer schweren Gallenkolik: Kerne der unbekömmlichen Melone, die sie gegessen hatte, finden sich noch in Speiseröhre und Magen. Aber darüber hinaus wurde sie von einer ganzen Liste weiterer Krankheiten geplagt: Sie hatte (natürlich) Gallensteine, Arteriosklerose, Lungentuberkulose, einen Bandscheibenvorfall, einen schlecht verheilten Unterarmbruch sowie eine quälende Infektion mit Bilharziose-Würmern und Trichinen. Es ist eher ein Wunder, dass sie mit diesem Befund überhaupt so alt werden konnte, denn offenbar hatte sie gegen die Würmer auch jede Menge Quecksilber gegessen – in Skelett und Gefäßwänden findet sich die hundertfache Konzentration dessen, was normal gewesen wäre.

Eine ähnliche Häufung von Krankheiten entdeckt man bei dem 167 v. Chr. beerdigten und im chinesischen Fenghuanshan gefundenen Kreismagistrat. Der Mann starb mit 60 Jahren und wog 52,5 Kilo. Alle 32 Zähne sind noch intakt, Skelett, Knorpel, Bindegewebe haben sich in den großen Mengen antiseptischer Sargflüssigkeit so gut erhalten, als sei er eben erst gestorben. Aber der arme Mensch kam offenbar zu Tode beim Durchbruch eines Magengeschwürs mit septischem Schock und Organblutungen. Wegen einer Leberzirrhose wurden die inneren Blutungen wohl noch verstärkt, und die Zirrhose kam ebenfalls von Bilharziose-Würmern sowie von einem Leberegel. Zudem hatte er Gallensteine, eine entzündete Gallenblasenzyste, Arteriosklerose und Befall mit Band- und Peitschenwürmern. Da kann man doch irgendwie erleichtert aufatmen, dass heutzutage niemand mehr an „so etwas“ zugrunde gehen muss.

Der umfangreiche Katalog befasst sich mit zahlreichen Mumienfunden, die in der Ausstellung nicht zu sehen sind, so auch mit den Eismumien der tragisch geendeten Arktisexpedition von John Franklin 1845-1848. Die Expeditionsschiffe waren seit 1846 unmanövrierbar im Eis eingeschlossen und mussten von der verzweifelten Mannschaft am 22. April 1848 aufgegeben werden – Franklin selbst war bereits am 11. Juni des Vorjahres gestorben. Die Überlebenden machten sich zu Fuß auf, die mehr als 1000 Kilometer entfernte nächste Siedlung zu erreichen, aber alle starben im Eis. In einem Rettungsboot fand man später zwei Skelette, drei Seeleute wurden 1850 in Eisgräbern auf Blechey Island gefunden. Die Annahme jedoch, die Männer seien an Kälte, Hunger und übermenschlichen Strapazen gestorben, trifft nicht zu: Die Todesursache war eine Bleivergiftung! Franklin hatte Tausende hurtig produzierter und schlecht verschweisster Konservendosen als Proviant mitgenommen, so dass die Mannschaft mit jeder Mahlzeit ihren Ruin selber vorantrieb.

Der Katalog enthält zum Kapitel Eismumien ferner eine Diagnose zu der berühmten Gletschermumie „Ötzi“ aus den Ötztaler Alpen, die im Neolithikum offenbar ein verbreitetes Jagdgebiet waren. Ötzi war zu Lebzeiten 1,60 m groß und wog 50 Kilo. Er war 46 Jahre alt, als er starb. Er hatte schulterlanges Haar und ein durch Steinmehl im Essen ziemlich abgeschliffenes Gebiss. Eine Studie des Zentrums für Evolutionäre Medizin (ZEM) an der Universität Zürich konnte übrigens 2013 nachweisen, dass Ötzis Zähne auch sonst in keinem guten Zustand waren. Einer seiner Vorderzähne war abgestorben, wohl infolge eines Unfalls, er hatte Karies und Parodontitis, und der ganze Zahnhalteapparat war angegriffen. Frank Rühli, Leiter der Studie, konnte damit feststellen, dass unsere heutigen, angeblich zivilisatorisch bedingten Zahnerkrankungen bereits vor 5000 Jahren verbreitet waren.

Auch Ötzis Gelenke waren abgenutzt, die Arterien verkalkt, es liessen sich mehrfache, aber verheilte Rippenbrüche nachweisen sowie ein Nasenbeinbruch, eine Zyste am kleinen Zeh (vielleicht durch eine Erfrierung) und eine von Rauchpartikeln geschwärzte Lunge – was nicht durch Nikotin, sondern offene Feuer kam. An seinem Körper fanden sich 60 Tätowierungen in Form von kleinen Strichbündeln oder Kreuzen, die offenbar schmerzhafte Abnutzungsstellen beispielsweise auf dem Rücken magisch lindern oder „heilen“ sollten. Auch Ötzi litt an Wurmparasiten. Im Darm fanden sich Reste seiner letzten Mahlzeit: Einkorn, Fleisch, Gemüse, sowie Holzkohlepartikel und viele Baumpollen. Sein Tod muss ein Drama gewesen sein – eine Handverletzung deutet auf einen Nahkampf hin, aber die Pfeilspitze, die wahrscheinlich zu starkem Blutverlust und einer Armlähmung führte, steckt heute noch in seinem Rücken ... Mord aus dem Hinterhalt, nachdem er den Gegner bereits überwältigt zu haben glaubte?

Eismumien der Thule-Kultur auf Grönland, der Vorfahren der Inuit in der östlichen Arktis, lassen ebenfalls Zweifel an der stabilen Gesundheit von Naturvölkern aufkommen. Zwei Gräber mit Frauen und Kindern aus dem 15. Jahrhundert, als in Italien die Renaissance erblühte, künden vom Downsyndrom eines vierjährigen Jungen mit angeborener Hüftläsion – das Kind war schmerzhaft gehbehindert. Ein sechs Monate altes Baby war mit der toten Mutter womöglich lebendig bestattet oder zuvor erstickt worden, weil es in der lebensfeindlichen Umgebung keine Chance gehabt hätte. Die ältere der beiden Frauen hatte Krebs im Nasen-Rachen-Raum, Nierensteine, mehrere Knochenbrüche und Parasiten.


 

Kind aus Peru, eine Mumie aus präkolumbianischer Zeit. Die Mumie ist im Besitz des Lippischen Landesmuseums Detmold. Foto: J. Ihle (Copyright)

Dass Menschen in vorindustriellen Zeiten ganz anderen Risiken und einem ungleich härteren Leben ausgesetzt waren, dass sie angesichts miserabler medizinischer Versorgung allgemein früher starben, kann der heutige Ausstellungsbesucher nachvollziehen. Schwerer fällt einem die Einsicht, warum es beispielsweise in der Inkakultur in offenbar gar nicht kleinem Umfang Kinderopfer gab, wobei ausgerechnet die schönsten und gesündesten Sprösslinge vornehmer Familien sterben mussten. Die Kinder wurden auf Gebirgsgipfeln der Anden ausgesetzt, ihre Leichen sind durch Frost konserviert – die Vorstellung dahinter war wohl die Vereinigung mit ihren Vorfahren und dem Sonnengott Inti, dessen Verehrung das Reich einte. Geopferte Kinder galten daher nicht als „tot“, sondern als lebendig auf höherer Stufe. Auch wurden die Kinder offenbar nicht gewaltsam getötet, sondern „nur“ mit Maisbier betrunken gemacht, so dass sie einschliefen und auf den Opferplätzen erfroren. Dass dieser sanfte Tod nicht immer so sanft gewesen sein kann, geht aus dem Fund eines achtjährigen Jungen hervor, der 1954 südöstlich von Santiago de Chile in einem Trockenmauerrest entdeckt wurde: Das Kind war mit liebevollen Beigaben ins Jenseits geleitet worden, mit goldenem Armschmuck, einem Cocabeutel sowie einem Säckchen, in dem sich abgeschnittene Fingernägel, Haar und Milchzähne befanden, aber es hatte im Todeskampf das Maisbier erbrochen und war keineswegs einfach eingeschlafen. Man mag sich nicht vorstellen, wie ihm zumute gewesen sein muss.


 

Südamerika, präkolumbianisch, eine Frau mit zwei Kindern. Der Kopf der Frau liegt auf einer Kindermumie, in ihrem Schoß ein weiteres Kind. Die Altersmessungen geben ein paar Rätsel auf, denn die gemessenen Mumifizierungsdaten der drei Personen differieren um 15 bis 20 Jahre. Die Gruppe ist im Besitz der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (Foto: Jean Christen Copyright)

Mumifizierung ist immer mit extremen Vorgängen verbunden, aber was die Männer einer buddhistischen Sekte in Japan bis hin zum staatlich verordneten Verbot zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktizierten, übersteigt das Verständnis eines aufgeklärten Mitteleuropäers: Sie mumifizierten sich zu Lebzeiten selbst. Die Ursprünge dieser Praxis sind sogar vor-buddhistisch und gehen auf das chinesische Dao zurück, dessen magische Riten vom Buddhismus übernommen wurden. In einem Zeitraum von wenigen Jahren arbeiteten die Glaubensbrüder an der Austrocknung ihres Körpers und ihrem qualvollen Sterben mit der Aussicht auf ewiges, verehrungswürdiges „Leben“. Diesen glückseligen Zustand erreichten sie durch bestimmte Atem- und Sexualtechniken, vor allem aber durch Verzicht auf Fleisch und Getreideprodukte. Stattdessen ernährten sie sich, falls überhaupt, von giftigen Nadelbaumsamen, Quecksilber, Giftpilzen und Harz, wobei großer Wert auf brutale Dehydrierung des Organismus gelegt wurde. Wenn der solchermaßen gequälte Körper endlich aufgegeben hatte, sorgten Mönche, die sich noch auf dem Weg befanden, für weitere Austrocknung des Leichnams, den man schließlich den Gläubigen als leuchtendes Beispiel präsentieren konnte – noch heute sind die von Ratten angefressenen Trockenmumien Gegenstände religiöser Verehrung.

Natürlich galten diese Leichen nicht als Tote. Nicht alle Kulturen ziehen zwischen Toten und Lebenden die präzise Trennlinie, die unser Realitätsbegriff uns vorgibt. In einem japanischen Hotelzimmer wurde 1999 der Leichnam eines Geschäftsmannes gefunden, der sich als Mitglied einer Sekte offenbar ebenfalls „magisch“ in die bessere Welt begeben hatte. Die Angehörigen des Mannes bestanden darauf, dass er keineswegs „tot“ sei, sondern sich nur in einer „Spezialtherapie“ befände, die in wenigen Monaten mit seiner „Heilung“ abgeschlossen sei. Irgendwann dürften die guten Leute sich dann doch etwas gewundert haben – oder was denken Menschen von normaler Vernunftbegabung in solchen Fällen? Vernebelt eine wie auch immer geartete Glaubensvorstellung tatsächlich einen fundamentalen Wirklichkeitsbezug?

Das „ewige“ Leben ... Das Leben ist ein flüchtiger Prozess, es ist Schmerz und Lächeln, es ist Liebe und Austausch von Wärme, es ist Verzweiflung und Kampf, es ist dauerhafte Veränderung, aber nicht Dauer. Dauer ist nur das Geschenk des Todes, ein seltenes Geschenk dazu, denn Mumifizierung als Dauerhaftigkeit des Körpers ist selten. Wäre es nicht so, wäre die Erde vor lauter Toten längst nicht mehr bewohnbar. Das schönere, wenn auch schmerzlichere Geschenk des Todes ist unsere physische Auflösung: dass die Natur uns zurücknimmt, so wie wir waren. Das freilich ist nicht mehr Thema der Ausstellung und der Mumienforschung.

Info:

„Mumien – Der Traum vom ewigen Leben“, Museum Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, C 5, vom 30. September 2007 bis 18. Mai 2008, Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, www.rem.mannheim.de

Katalog „Mumien – Der Traum vom ewigen Leben“ im Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2007, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen Band 24, 378 Seiten mit 510 meist farbigen Abbildungen, 34,90 Euro. ISBN der gebundenen Ausgabe: 978-3-8053-3779-3, Museumsausgabe: ISBN 978-3-8053-3.

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