Naqsh-e-Rostam, die persische Gedächtnisstätte

 

Der Triumph des Sassanidenkönigs Shapur I. (270-239 n.Chr.) über die römischen Kaiser Philippus Arabs und Valerian auf einem der Felsreliefs in Naqsh-e-Rostam. Rechts hinter dem Pferd des Königs (im Schatten) ein Porträt des mächtigen Magiers Kartir, der dort seine Heldentaten auf einer Inschrift verewigt hat.

Fotos auf dieser Seite: Heybrock

URL dieser Website: http://www.kunstundkosmos.de/naqsh-e-rostam.html

Sitemap

Übersicht Archäologie

mehr aus Persien/Iran:

Persepolis

Ausstellung "Das Persische Weltreich"

Die Achämeniden-Herrscher

Die Sassaniden-Herrscher

25-07-2003

Update 19-02-2015

Felsen bewahren den Ruhm der Könige

Naqsh-e-Rostam, uralte Gedächtnisstätte zwischen Shiraz und Persepolis im heutigen Iran

Von Christel Heybrock 

Irgendwann wird die Industrialisierung wohl auch hier irreparable Folgen hinterlassen, im iranischen Hochland der Provinz Fars, dem einstigen Kernland eines persischen Weltreichs, das sich in zwei Dynastien einmal vor und einmal nach der christlichen Zeitenwende von Indien bis an den europäischen Kontinent erstreckte. Wer heute von Shiraz, der legendären Stadt der Rosen und Dichter im Süden des Iran, die Straße nach Persepolis im Nordosten einschlägt, sollte am besten ein paar feuchte Taschentücher und ein Fläschchen Pfefferminzöl dabei haben, um gegen die dicken schwarzen Abgaswolken der Busse und Lastwagen gewappnet zu sein. Dass mitten im fruchtbaren, von Bergen gesäumten Hochland auch noch eine Ölraffinerie für Emissionen sorgt, wundert schon gar nicht mehr. Und vielleicht sollte man sich beeilen, wenn man sie noch sehen möchte – die Reste des Königspalastes in Pasargad mit dem einsamen Grab des Großen Cyrus, die Ruinen der Palastanlage von Persepolis, die einst Alexander der Große zerstörte, und die Gräber der Könige in Naqsh-e-Rostam. Es sind schließlich nicht nur Wind und extreme Hitze (im Sommer locker bis zu 40 Grad im Schatten), die zur Verwitterung der Steine beitragen, sondern die Gefahr kommt auch von einem weltweit auf Empörung stoßenden Staudammprojekt, mit dem die gesamte Region überflutet werden soll.

Naqsh-e-Rostam ist kein besiedelter Ort, sondern eine historische Gedächtnisstätte in der Nähe von Persepolis. Naqsh-e-Rostam, das ist eine Kette von Felsen, in deren Innerem sich Grabkammern von vier persischen Königen befinden und an deren senkrechten Außenwänden monumentale Reliefs in sieben einzelnen, bis heute nicht immer identifizierbaren Szenen die Taten anderer Herrscher verewigen. Dass sich dort auch noch ein über 12 Meter hoher, quadratischer Turm mit Blindfenstern befindet, dass ein rituelles Wasserbecken zu Füßen der Felswände auf seine Ausgrabung wartet und dass hoch oben, von unten nur an einer einzigen Stelle erahnbar, alte zarathustrische Feueraltäre aufragen – das alles macht die Sache nicht einfacher, weder für Touristen noch für die Archäologen, die mit der Erforschung gerade dieser Gegend noch lange nicht am Ende sind.

Das persische Weltreich beginnt mit den Eroberungen Cyrus des Großen (559-530 v.Chr.), der 539 das mächtige Babylon im Handstreich nahm. Ururenkel des Dynastiegründers Achämenes, der die Perser anderthalb Jahrhunderte zuvor auf dem Wanderweg vom Urmiasee nach Süden geführt hatte, kam Cyrus II., der Große, über die zersplitterten Stämme und Fürstentümer Vorderasiens als siegreicher, strahlender Held. Noch Alexander bewunderte 200 Jahre später seinen militärischen Mut und seine politische Weisheit. Auf dem Weg nach Indien besuchte er das damals mit Gold und Purpur ausgestattete Cyrus-Grab in Pasargad – und fand es bei der Rückkehr verwüstet von Grabräubern, obwohl es streng bewacht wurde. Ein ähnliches, freistehendes Grabmonument wurde wohl auch für Cyrus’ Sohn und Nachfolger Cambyses geschaffen. Wo Cambyses, der Eroberer Ägyptens, bestattet wurde, hat sich erst 2006 herausgestellt: ebenfalls in Pasargad, in der Nähe der Festung Toll-e-Takht. Seine Nachfolger jedoch wurden in Felsgräbern beigesetzt: Sollten die Grabstätten in luftigen Höhen einen besseren Schutz vor räuberischen Frevlern gewährleisten? Oder hatten sich die Bestattungsrituale grundlegend geändert? Man weiß es nicht.

Die Berggipfel in der Hochebene von Fars sind bizarr zerklüftet, gespalten von Höhlen, Rissen und Schrunden, manche Wände sind abgerutscht und lassen die Gesteinsschichten erkennen, Buckel und Mulden reizen das Auge ständig zum „Lesen“ von Figuren und Szenen, und während man direkt auf Naqsh-e-Rostam zufährt, spürt man schon, wie natürlich, ja beinah unausweichlich es vor zweieinhalb Jahrtausenden war, just hier den Ruhm der Könige in Gräber und Bilder zu fassen. Der erste, der in der Felswand beigesetzt wurde, war Darius I. (522-486 v.Chr.), Achämenide aus einer Seitenlinie und Nachfolger des Ägypteneroberers Cambyses II. (530-522). Darius, Gründer der unweit gelegenen Palastanlage Persepolis, ließ in die senkrechte Felswand eine riesige Kreuzfläche einschneiden und in deren Kopf als Flachrelief die allegorische Szenerie seiner Herrschaft: Er steht auf einem Podium, das getragen wird von den Vertretern aller 30 Völker des Großreichs (angeordnet in zwei Reihen untereinander). Der König steht vor einem Feueraltar; über ihm schwebt das Emblem seiner von Ahura Mazda, der weisen Gottheit, verliehenen Herrschaft: aus einem geflügelten Ring wächst die kleine Figur des Weltschöpfers, und der Ring ist sowohl ein Sonnen- und Lichtsymbol als auch Zeichen des unauflöslichen Verbundes zwischen Gott und Herrscher.

Die charakteristische Kreuzform der Felsgräber in Naqsh-e-Rostam (ebenso wie in Persepolis) wurde von Darius I. geprägt. Hier das Grab des Artaxerxes I. (465-425 v. Chr.) mit den doppelreihig angeordneten Reliefs der Völkerscharen oberhalb der Säulenreihe im Querbalken.

Die Völkerscharen ruhen auf einer die ganze Breite des Querbalkens einnehmenden Zierkonsole, der stilisierten Dachkonstruktion eines fiktiven Palastes. Darunter, umrahmt von Säulen (Zitat der Säulen von Persepolis), öffnet sich das in den Stein geschnittene Tor der Grabkammer, in deren Innerem drei Schächte für jeweils drei Sarkophage ausgehöhlt wurden – wer außer dem König hier noch beigesetzt werden sollte, wissen wir nicht. Ohnehin sind heute alle Felsgräber leer. Die Archäologin Heidemarie Koch weist nach, dass die Maße der palastartigen Grabfront genau mit den Maßen von Darius’ I. Palast in Persepolis übereinstimmen. Ist die Palastfront in Persepolis 18,60 m breit, so misst die Grabfassade 18,57 m. Selbst die Abstände zwischen den Säulen sind in Persepolis wie in Naqsh-e-Rostam genau 3,15 m breit. Darius schuf also für sein jenseitiges Überdauern eine genaue Replik des Ortes, der seine Herrschaft im Leben repräsentierte, freilich mit anderen Funktionen ausgestattet. Überdies deuten Farbreste darauf hin, dass sowohl die Grabfassade als auch die Paläste in Persepolis farbig gefasst waren.

Außen hätte der Fuß der Kreuzfläche noch Platz geboten für eine Inschrift oder ein Heldenrelief, wie es aus späteren Jahrhunderten ihrer sieben in Naqsh-e-Rostam gibt, aber die Fläche ist leer; ein Doppelrelief aus sassanidischer Zeit wurde nachträglich unterhalb des Grabmals angefügt, das vom Boden aus ursprünglich 38 Meter hoch war. Inzwischen hat eine Schutt- und Lehmschicht von drei bis fünf Metern Höhe in Naqsh-e-Rostam für andere Proportionen gesorgt, aber der Bizarrerie dieser Grabanlage kann man sich noch immer nicht entziehen.

Darius hat, wie der Orientalist Walther Hinz angibt, sein Grabmal selbst entworfen und damit in Persien einen neuen Sepulkral-Typus geprägt. Das Felsgrab wurde nicht nur in Naqsh-e-Rostam von den Darius-Nachfolgern Xerxes I. (486-465 v.Chr.),  Artaxerxes I. (465-425 v.Chr.) und Darius II. (423-404 v.Chr.) peinlich genau übernommen, sondern auch in der Bergwand oberhalb von Persepolis angewendet. Es gibt keine Hinweise auf die Bedeutung der Kreuzform, die als Rahmenfläche der Gräber dient, aber vielleicht ist es nicht falsch, in der Verbindung von Oben und Unten, Rechts und Links ein kosmisches Symbol zu sehen, das manche Wissenschaftler auf ein Sonnensymbol reduzieren. Die Sonne hatte zwar in der Zarathustra-Religion ihren besonderen, weltschöpfenden Rang, aber der tote Herrscher sollte vielleicht auch noch eingebunden bleiben in seine historische Macht über ein Reich, das von Nord nach Süd, von Ost nach West reichte und potentiell die ganze Welt umfasste. Bereits auf dem 1879 entdeckten Cyrus-Zylinder aus Babylon, der einzigen Inschrift, die vom Gründer des persischen Großreichs erhalten ist, heißt es beispielsweise: „Ich, Cyrus, der König des Weltalls..., König der vier Weltenden...“ Die Vorstellung einer fast kosmischen Begründung seiner Macht dürfte später also auch dem Darius nicht fremd gewesen sein.

In zwei Inschriften oben links neben der Königsfigur und darunter, neben dem Tor der Grabkammer, hat Darius zudem, ähnlich wie in Persepolis, seine ruhmreiche Abstammung und Eroberungen, vor allem aber sein Selbstverständnis als Herrscher dokumentiert. Sein Grab ist das einzige mit einer Inschrift in Naqsh-e-Rostam, und seine Vorstellung von Ordnung und Gerechtigkeit, Freude und Tatkraft, Kampfesmut und Selbstkontrolle sind ihrer Zeit nicht nur weit voraus, sondern wurden wohl auch von keinem anderen vorislamischen Herrscher mehr eingeholt.

Naqsh-e-Rostam war nicht von Anfang an durchgeplant. Weder die vier achämenidischen Gräber noch die sieben sassanidischen Felsreliefs folgen daher einer chronologischen Ordnung. (Die Gräber in der Reihenfolge von links nach rechts werden Darius II., Artaxerxes I., Darius I. dem Großen, sowie Xerxes I. zugeordnet.) Nachdem der letzte Achämenide Darius III. die Zerstörung von Persepolis im Jahr 330 v.Chr. durch Alexander nur kurz überlebt hatte (er hielt sich zum Zeitpunkt des Brandes weit entfernt davon im Nordosten in der Nähe von Damghan auf, wo er ermordet wurde), zerfiel das Reich für Jahrhunderte. Erst Ardeshir Babakan (223/24-241 n.Chr.), Enkel des Sassan, der einer neuen Dynastie den Namen gab, konnte noch einmal ein Großreich gründen. (Die Sassaniden stürzten erst im Jahr 651 mit der Eroberung durch islamische Araber.)

Dass sowohl Ardeshir als auch sein Sohn Shapur I. (241-272) in dem Ort Estakhr in der Nähe von Naqsh-e-Rostam geboren wurden, trug sicher dazu bei, dass sich die Sassaniden auf den alten Glanz besannen; zur Festigung ihrer Legitimität führten sie ihre Herkunft zudem auf eine Linie der Achämeniden zurück. Die Investitur Ardeshirs, der von Ahura Mazda den Ring der Herrschaft erhält, wurde in Naqsh-e-Rostam  5 mal 5  Meter hoch in den Felsen gemeißelt – man findet die Szene nicht sofort, weil sie sich links hinter einer Bergecke befindet. Rechts neben der Ardeshir-Investitur hat sich auch Bahram II. (277-282) mit seinem Hofstaat verewigt. Bahram, berühmt durch seine Grausamkeit, bediente sich dabei eines bereits vorhandenen Felsreliefs, das Jahrhunderte älter ist als die achämenidischen Gräber und noch aus elamischer Zeit herrührt, also von dem Volk, das die Perser besiegten, als sie sich das Hochland zu eigen machten! Die natürlichen Skulpturalformen der Felsen scheinen bereits im 8. oder 9. Jahrhundert v. Chr. (manche Datierungen reichen noch weiter zurück) inspirierend gewesen zu sein, aber außer Figurenresten und der Vermutung, der Ort sei bereits den Elamern heilig gewesen, hat sich aus dieser Frühzeit nichts erhalten.

Sieg Shapurs II. unterhalb des Felsengrabes von Darius II. Das abgebildete Relief eines Reiterkampfes ist fast acht Meter lang.

Folgt man dann dem Pfad weiter von links nach rechts, findet man direkt unter dem Grab von Darius II. den fast acht Meter langen Sieg Shapurs II.(309-379), der zu Pferd einem Gegner die Lanze in den Hals sticht. Danach folgt, unterhalb des Artaxerxes-Grabes, eine ähnliche Szene, die Shapurs Vorgänger Hormuzd II. (302-309) darstellt. Etwas versetzt links unten neben dem Grab des Großen Darius das berühmte Relief mit dem Sieg Shapurs I. (241-272) über drei römische Kaiser (Foto oben). Dabei sitzt Shapur, identifizierbar an seiner Krone (jeder Sassanidenkönig hatte seine eigene Krone), zu Pferd und hat Kaiser Valerian am Handgelenk gepackt – klassische Geste der Gefangennahme – während Kaiser Philipp der Araber bittend vor dem Reiter kniet. Der dritte, Kaiser Gordian, befindet sich angeblich unter den Hufen von Shapurs Pferd, ist aber infolge der Verwitterung heute unkenntlich, dafür schwebt hinter Shapur die Büste des mächtigen Priesters Kartir nebst einer langen Inschrift (die teilweise dramatischen Beziehungen persischer Könige zur Priesterschaft wären ein eigenes Kapitel wert.) Lange rätselten die Archäologen über die Identität der beiden Figuren vor dem Pferd des Königs. Vor allem der Griff ans Handgelenk hatte bereits zu der völlig konträren Deutung geführt, dass Shapur mit der Hand etwas überreiche: nämlich das Mandat des Römischen Reiches an Cyriades den Antiochier! So drollig können Interpretationen entgleisen, wenn Gesten nicht mehr geläufig sind.

Die beiden je sechseinhalb Meter langen Reiterszenen unter dem Grab des Großen Darius wurden bereits erwähnt – sie sind nicht eindeutig identifiziert. Die obere Szene soll Bahram V. (420-438) darstellen, der als notorischer Wildeseljäger in die Geschichte einging, vielleicht aber auch noch einmal Bahram II.; das untere Relief, erst 1841 aus der Schuttschicht befreit, zeigt womöglich Hormuzd II.; einige Interpretationen vertreten auch den Standpunkt, beide Szenen könnten dieselbe Schlacht darstellen – unten mit noch unentschiedenem, darüber mit siegreichem Ausgang. Das siebte und letzte Relief auf dem Felsen ganz rechts stellt die Investitur des Narses dar (293-301), eines Onkels von Bahram II., wie er aus der Hand der Göttin Anahita das Diadem der Herrschaft empfängt.

Im Gegensatz zu der eleganten, aber etwas statischen Feierlichkeit des achämenidischen Kunststils, wie er beispielsweise in Persepolis erhalten ist, zeichnet sich die Kunst der Sassaniden durch Dynamik und Bewegung aus. Dass der König einfach nur dasteht wie einst Darius, ist kaum noch denkbar. Er sitzt, und nicht einmal auf dem Thron, sondern zu Pferd! Als siegreicher Reiter erhält er die Insignien der Herrschaft von Gott oder einem Priester, der natürlich ebenfalls auf dem Pferd sitzt. Siege über andere Völker oder Aufständische werden nicht mehr als Reihen hintereinander stehender Gefangener oder gar als magere Inschrift vor Augen geführt, sondern als dramatische Szene mitten aus dem Schlachtgetümmel – bereits die Achämeniden rühmen sich ihrer persönlichen kriegerischen Geschicklichkeit, den Kampf überließen die Könige keineswegs ihren Generälen. Und bei den Sassaniden flattern dabei die plissierten Hosenbeine und die langen Enden der Stirnbänder, um die Authentizität des Augenblicks noch zu steigern. Was die ballonartigen Aufbauten auf den Köpfen der Sassaniden betrifft, so scheint es sich um eine spezielle Haartracht gehandelt zu haben, die mit der eigentlichen Krone nichts zu tun hatte, aber natürlich den Herrscher überhöhte: Das Haar wurde kugelförmig nach oben zusammengefasst und mit einem Seidentuch überspannt. Darauf wurde dann der Reif der Krone gesetzt, der den Korymbos – so der Fachausdruck für den Ballon – sicher zusätzlich festigte. Shapur I. hat sich zudem mit einem Collier und langen Ohrringen königlich geschmückt, während Ardeshir auf dem Investitur-Relief den Bart in einem Ring trägt.

Der rätselhafte Turm von Naqsh-e-Rostam, den die inzwischen muslimischen Einheimischen als "Kaaba des Zarathustra" bezeichnen. Welche Bedeutung das Bauwerk just gegenüber der Felswand hatte, ist unbekannt - zarathustrischer Feuertempel? Kalenderanlage? Beides?

Gräber und Reliefs sind in Naqsh-e-Rostam freilich nicht alles. Offenbar bereits Darius I. hat auf der Anhöhe als genaue Replik eines heute zerstörten zarathustrischen Feuerturms aus Pasargad einen 12,60 Meter hohen, weißen Turm von 7,30 Meter Kantenlänge errichten lassen, auf dessen Nordseite, direkt gegenüber den Felsen, eine Freitreppe in eine 3,5 mal 3,5 Meter große, fensterlose Kammer führt, die einst mit einer schweren Tür verschlossen war. Jahrhunderte lang war der Turm in meterhohem Schutt verborgen, und auch heute scheint er in den Boden der Anhöhe eingesenkt, was der historischen Realität freilich nicht entspricht.Wie sich bei Grabungen 1936 herausstellte, verewigte Shapur I. mehr als 700 Jahre nach Darius mittels Inschriften seine Ruhmestaten auf den Außenwänden des Turms; das Siegerrelief an der Felswand reichte ihm offenbar nicht, und dass er sich auch noch dieses Zeremonialbauwerks bemächtigte, bedeutet durchaus eine machtbewusste Vereinnahmung von Geschichte. Der Turm wird außen durch etliche Reihen sorgfältig gestalteter, kleiner Nischen rhythmisiert. An drei Wänden sind darüber hinaus je vier von schwarzem Gestein umrahmte Blindfenster angebracht. Über die Bedeutung dieses Turms wird immer noch heftig gerätselt. Er habe als Aufbahrungsstätte der Könige gedient, bevor sie hoch oben in den Felsgräbern beigesetzt wurden, heißt es einmal. Andere Wissenschaftler vermuten, die Kammer im Innern habe das ewige Feuer bewahrt, das in der staatstragenden Zarathustra-Religion sowohl der Achämeniden als auch der Sassaniden ja eine besondere Rolle spielte als läuternder Sieg des Lichts über die Finsternis. Das Feuer in der (oben geschlossenen!) Kammer, so weitere Fantasien, habe die Felsgräber beleuchten sollen, was ziemlich unwahrscheinlich scheint.

Historiker Ali Farahmand auf der verfallenen Freitreppe des Turms von Naqsh-e-Rostam. Farahmand hält den Turm für einen Kalenderbau.

Der iranische Althistoriker Ali Farahmand aus Shiraz hat heute eine andere überraschende Deutung. Er hat den Turm über die Jahreszeiten hin beobachtet und festgestellt, dass die Sonne in offenbar genau berechneten Winkeln ihren Schatten über die Nordostecke auf die Stufen der Freitreppe wirft. Der Turm sei ein Kalenderbau, sagt er, wobei auch die Nischen und Blindfenster eine Rolle gespielt hätten. Die Schattenwinkel seien so präzise, dass sich nicht nur Monate, sondern auch Wochen und Tage ablesen ließen, ausgenommen im Winter bei zu niedrigem Sonnenstand. Das würde der zentralen Bedeutung des Neujahrsfestes in der persischen Kultur nicht widersprechen. Seit Jahrtausenden wird zum Äquinoktium am 21. März der Jahresbeginn ausgiebig gefeiert. Es ist der Tag, an dem die Sonne endgültig wieder die Oberhand über die Natur errungen hat – das alte zarathustrische Denken vom Kampf des Lichts gegen das Böse, die Dunkelheit, steckt immer noch dahinter, ja, es ist womöglich viel älter als Zarathustra und entspricht, über alle kulturellen und religiösen Definitionen hinweg, einem Empfinden, das Menschen überall auch mit andern Lebewesen teilen.

Was sich aber an Ritualen einst in Naqsh-e-Rostam abgespielt hat, welchem Zweck die dunkle Turmkammer diente, ob die Vollendung der Felsreliefs jeweils feierlich begangen wurde und wie die Priester Zarathustras die Leichname der Könige mittels Seilwinden in die Grabkammern zogen – wir wissen es nicht, und auch nicht, was sich in dem verschütteten Wasserbecken an dem Felsvorsprung abspielte, das dem Blick des Laien übrigens komplett entgeht. Der Schutt von Naqsh-e-Rostam dürfte noch manches Geheimnis bergen. Die ganze Region ist voll ungehobener historischer Schätze. Kleiner und daher leicht zu übersehen, gibt es auf der anderen Seite des kleinen Tals und der Straße bereits die nächsten Felsreliefs: Naqsh-e-Rajab heißt dieser Platz.

Literatur:

- Sylvia A. Matheson: „Persia. An Archaeological Guide”, 3. Auflage Yassavoli Publications, Teheran 2001, ISBN 964-306-203-1

- Heidemarie Koch: „Es kündet Dareios der König...“, Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 3. Auflage 2000, 310 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 24,80 Euro, ISBN 3-8053-1934-7 (vergriffen)

- Walther Hinz : „Darius und die Perser“, Holle Verlag, Baden-Baden 1976, ISBN 3-87355-165-9 (vergriffen)

- Mündliche Informationen von Ali Farahmand, Shiraz/Iran, Tel. 0098-711-2289482, E-Mail: Ali_7082003@yahoo.com

http://www.besucherzaehler-homepage.de