Ottmar Hörl Biotope


Ottmar Hörls "Gordische Knoten" (Copyright) aus verschlungenen Kunststoffrohren
Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)

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Bildende Kunst

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Kunst und Kosmos dankt Ottmar Hörl und Fotograf Manfred Rinderspacher für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion der Fotos auf dieser Seite

2003
Update Februar 2017

Der Witzbold mit den Schrubberbürsten

Konzeptkünstler Ottmar Hörl zeigt „Biotope“ in der Mannheimer Galerie Peter Zimmermann

Von Christel Heybrock

Natürlich kann man über den Mann ganz seriös schreiben. Kunsthistoriker-Deutsch: bloß nicht witzig werden! Aber ach, es ist so schwer! Reizt Ottmar Hörl den Kunstbetrachter doch auf Schritt und Tritt zum Kichern. Stellen Sie sich vor, Sie betreten eine dieser hoch seriösen, schnieken Galerien, in die sich ein normaler Mensch kaum rein traut. Weil, an den weißen Wänden, da hängen überall diese superkühlen Quadrate. Quadrate, wer versteht schon was von Quadraten? Was sollen die bloß immer bedeuten? Na ja, auch bei Ottmar Hörl gucken Sie erst mal andächtig hin, weil Kunst ja so eine ernste Sache ist – Sie gucken einmal, Sie gucken zweimal.... Herrgott, und die Quadrate, die sind aus Schrubberborsten! Wer da nicht befreit auflacht, ist einfach selber schuld.

Sie sind wieder mal zu sehen, die edlen konstruktivistischen Quadrate mit den dreisten Schrubberbürsten, jetzt beispielsweise in der Mannheimer Galerie Peter Zimmermann. „Kleines Graues“ heißt so ein Werk aus grauen Besenborsten auf Aluminium oder „Kleines helles Grau“. Es ist, als hätten Bilder auf ebenso natürliche wie geheimnisvolle Weise ein Fell bekommen. Bei Zimmermann bleibt es freilich nicht lange beim Grau, denn schon im Foyer prangt ein großes grünes Quadratbild mit dem Titel „For ever young“ – das besteht aus penibel arrangierten Kunstseiden-Efeublättern. Und wer weiter auf der Suche nach dem Quadrat ist, der Urform nicht nur der Konstruktivisten, den werden zwei leuchtend gelbe Quadrate im Ausstellungsraum magisch anziehen: das „Badezimmerstück“ aus zehn Zentimeter dickem gelbem Polyesterschwamm und der „Insektenfeind“ mit den gleichen Maßen (60 x 60 x 10 Zentimeter) aus blütengelbem Hartschaum.

Von hintersinniger Einfachheit sind jedoch auch andere plastische Werke von Hörl, etwa die berühmten „Skulpturen im gordischen Stil“, das sind jeweils schwungvoll und kompliziert ineinander verknotete bunte Kunststoffrohre, gordische Knoten halt. Die gibt es in roten und schwarzen Ausführungen, und jedes Mal ist es, als hätte Ottmar Hörl die Skulptur noch einmal neu erfunden. Dieses Spiel zwischen Wölbungen und Mulden, diese Windungen, diese Eleganz der Energieströme, dieses Schwingen nach außen und gleichzeitig die Konzentration nach innen! Und das alles mit dem geradezu lächerlich banalen Material!


Nein, es ist kein Aquarium, sondern nur ein Leuchtkasten-Foto ("Hecht"), aufgenommen im Frankfurter Zoo. Abbild und Wirklichkeit, es ist mitunter ein Verwirrspiel bei Ottmar Hörl (Copyright), und verschlungene Wege hat er ebenso thematisiert in der schwarzen "Gordischen Skulptur" vorm Fenster der Galerie.
Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)

Die beherrscht Hörl ja nun wirklich, die wahnwitzige Diskrepanz zwischen Alltagsbanalität und fast mythischer Abstraktion. Man geht ihm da mitunter voll auf den Leim. „Biotope“ nannte er seine Ausstellung bei Zimmermann, und dazu gehören auch zwei ziemlich große Leuchtkästen mit Aquarien-Ansichten, einer ist mehr als zwei Meter lang. „Koralle“ und „Hecht“ entstanden als Großfotografien im Frankfurter Zoo und wurden so perfekt aufgenommen, dass man wirklich glaubt, man stünde eben dort. Schwimmen beim „Hecht“ scheinbar Fische in der Betrachterebene direkt auf einen zu, erhält man bei der „Koralle“ einen geheimnisvollen Blick in leuchtende Tiefsee, da rührt sich etwas ganz tief in der Betrachterseele. Tja, sie sind alle "nur" Leuchtkasten-Fotos. Und von der Sorte gibt es noch einen - auf einem wahnsinnsblauen Grund steht nur da: „Pazifik“.

Es ist ein manchmal schwindelerregender Austausch zwischen Wirklichkeit und Abstraktion, den Ottmar Hörl verfolgt. So demonstriert er bei Zimmermann beispielsweise die Abstraktion von Farben, indem er – nichts als Farben zeigt. Von mythischer Leuchtkraft seine „Industrie-Monochrome“ in Rot, Blau und Schwarz als buchstäbliche Farbkörper auf Aluminiumrahmen. Der Gegenpol dazu sind pure chemische Formeln, auf die Hörl seine Farben reduzierte. Der Witzbold und Wirklichkeitsverdreher druckte beispielsweise die Strukturformel für „Purpurweiß 2000“ einfach auf Aluminium, soll sich der Betrachter doch einfach mal die Farbe vorstellen.

Eine Reihe kleinerer Arbeiten im schmalen Rückraum der Galerie: Legoplastiken, aus Legosteinchen ineinander gesteckte Kreisel, Zylinder und Kubus-Faltungen. Das Tollste vielleicht ist eine Serie von Schwarzweißfotografien mit dem Titel „Landscape for Sprinters I“, im Jahr 1993 aufgenommen im Frankfurter Stadtwald. Kein Mensch weit und breit. Die Kamera zeigt stets nur: Blätterboden und schmale, kahle Baumstämmchen aus der subjektiven Sicht ... eines Joggers? Der muss beim Laufen etliche Handstände und Purzelbäume gemacht haben, denn die stets rechtwinklig auf einander bezogene Formation Boden/Bäume wirbelt im Verlauf der Serie dermaßen herum, dass schon dem Betrachter schwindlig werden kann und mitunter kaum noch zu identifizieren ist, was man nun eigentlich sieht. Vielleicht haben die Kunsthistoriker mit ihrem verbissenen Ernst irgendwie doch Recht? Zwischen Konzeptkunst und Konstruktivismus sind Hörls Ideen natürlich viel mehr als nur witzig. Aber wenn er sich notorisch zwischen polaren Gegensätzen bewegt, dann wirbelt er auch herum zwischen Ernst und heimtückischem Humor! Diese seltene Position in der aktuellen Kunst kann man sich einfach nicht entgehen lassen.

Info:

Galerie Peter Zimmermann, Mannheim, Leibnizstraße 20, bis 5. April 2003, www.galerie-zimmermann.de

Ottmar Hörl ist mittlerweile nicht mehr im Programm der Galerie (Stand 2017)

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