Ottmar Hörl Kunstverein Mannheim


Ottmar Hörl am 2. Februar 2017 im Skulpturenhof des Mannheimer Kunstvereins mit seinem "Weltanschauungsmodell III"
Foto:
Manfred Rinderspacher (Copyright)

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Bildende Kunst

Ottmar Hörl "Biotope"

10.2.2017

Kunst und Kosmos dankt Ottmar Hörl und Fotograf Manfred Rinderspacher für die freundliche Erlaubnis zur Reproduktion der Fotos auf dieser Seite

 

Vom zweifelhaften Sinn der Arbeit

Konzeptkünstler Ottmar Hörl mit einer schwarzen „Handlungsanweisung“ im Mannheimer Kunstverein

Von Christel Heybrock

Von Ottmar Hörl ist man ja einiges gewöhnt: etwa massenhafte Lutherstatuen, rosafarbene Dürer-Hasen, schwarzrotgoldene Gartenzwerge. Der Kunsthandel ist voll davon, und wenn Hörl eines seiner Objekte in hundertfacher Ausfertigung  auf einem großen städtischen Platz arrangiert, dann sorgt das für nachhaltiges Aufsehen. Auch deshalb, weil Hörl diese seriellen Installationen nie ohne hintersinnigen aktuellen Bezug organisiert.

In Mannheim besteht ein wirklich aktueller Bezug zurzeit eigentlich nicht, es sei denn, die allgemeine politische Entwicklung lege einem das Schwarzsehen nahe. Aber die „Handlungsanweisung zur Erlösung des Schwarzen Quadrats“, die der Meister im Kunstverein als „Arbeitsinstitut“ realisiert hat, erstreckt sich auch nicht in den urbanen Raum, sondern bleibt im Hause. Bis auf den Skulpturenhof, da steht ein überlebensgroßer schwarzer Plastikherr und guckt angestrengt durchs Fernglas in Richtung Foyer, wo die Ausstellung beginnt – mit einem weiteren schwarzen Herrn, der anstelle eines runden einen würfelförmigen Kopf hat („Quadratkopf“). Der Fernglasgucker ist Hörls „Weltanschauungsmodell III“ – als ob sie immer auf der Anschauung von Realität bestünde, die Weltanschauung in unseren Köpfen… wie kommt das eigentlich zustande, das Bild, das wir uns von der Welt machen?


Ottmar Hörls "Arbeitsinstitut" (Copyright) im Mannheimer Kunstverein - alles schwarz, Tische, Stühle, Aktenordner, Papier. Was so banal, aber auch seltsam unzugänglich aussieht, löst weitreichendes Nachdenken aus...
Foto: Manfred Rinderspacher Copyright

Schieben wir die Frage mal zur Seite, schließlich geht es drinnen im Ausstellungssaal um Arbeit. Tische, Stühle, Aktenordner, alles schwarz. Wer würde diesen beziehungsreichen Gag nicht verstehen! Der ist aber von noch viel weitreichenderer Bedeutung, denn Hörl bezieht sich ja auf ein ominöses „schwarzes Quadrat“. Tatsächlich ist Mannheims Innenstadt eine am Reißbrett des 18. Jahrhunderts entstandene Anlage in Quadraten. Aber schwarz? Ja, vielleicht, obwohl die Luftverschmutzung in den letzten Jahren viel besser geworden ist! Ein sprichwörtliches „Schwarzes Quadrat“ jedoch hängt im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum und ist Teil eines suprematistischen Gemäldes von Kasimir Malewitsch (1878-1935). Das Quadrat ist darüber hinaus eine Ikone der abstrakten Kunst, ja der Kunst schlechthin. In dieser simplen Urform und der Nichtfarbe Schwarz verdichten sich in der Intention von Malewitsch spirituelle Inhalte und formale Erscheinungsweisen jeder Kunst. Eine intensivere Farbendichte als Schwarz ist nicht möglich, eine intensivere Anschauung von Inhalten, die sich der Sichtbarkeit entziehen, auch nicht: Gott kann man nicht sehen.

Darüber macht sich kaum ein Betrachter Gedanken, der eben mal einen sekundenlangen Blick auf irgendwelche schwarzen Quadrate wirft. Der Anspruch ist für normale Leute auch viel zu abgehoben, findet Ottmar Hörl und erlöst das schwarze Quadrat aus seiner irritierenden Entrücktheit, indem er es in den banalen Alltag holt. Aktenordner haben doch auch was Quadratisches! Arbeitstische, auch wenn sie rechteckig sind – Rechtecke sind nur in die Länge gezogene Quadrate. Vor allem aber: Schrubberbürsten! Es ist die großartigste Idee, die ein Konzeptkünstler je hatte: die quasi sakrale Urform der Kunst als Reinigungsgerät auftreten zu lassen… und den Besen zugleich seiner nützlichen Bestimmung zu entziehen, denn mit einer quadratischen Schrubberfläche lässt sich kaum noch hantieren. Ist das Schwarze Quadrat die von Malewitsch geschaffene Formikone schlechthin, so hat seine Umkehrung, der Quadratschrubber, den gleichen Stellenwert im Werk von Ottmar Hörl, und auch im Mannheimer „Arbeitsinstitut“ tritt er auf, als harmlos-heimtückische Zier an der Wand.


Blick von oben von der Galerie des Ausstellungssaals. Varianten der Quadratformen spielt Hörl an den Wänden durch. Das locker arrangierte Ensemble von neun Tischen/Stühlen wird akzentuiert durch zwei Großobjekte, die Rundsäule mit Aktenordnern und den riesigen Kegel von Schredderpapier. Damit ist die Spannweite zwischen Aufbau und Zerstörung abgesteckt, die Hörls "Arbeitsinstitut" (Copyright) letztlich zugrunde liegt.
Foto: Manfred Rinderspacher (Copright)

Hörls Quadraterlösung bezieht sich hier freilich auch auf Erweiterungen und Abwandlungen der Grundform. Aktenordner? Die liegen nicht nur auf jedem Tisch, sondern erheben sich als dicke Rundsäule auf einem mit Ordnern lückenlos gefüllten Drehständer. Wäre Hörl dabei geblieben, sähe sein „Arbeitsinstitut“ aber wohl ziemlich statisch aus, und Arbeit ist ja ein dynamischer Vorgang. Neuer heimtückischer Denkanstoß: Was ist es eigentlich, was Arbeit so dynamisch macht? Zerstörung! Glauben Sie nicht? Gucken Sie mal in Ihren Papierkorb! Lauter verworfene Ideen, lauter Gedanken, die nicht mehr gedacht werden. Bei Hörl werden zerknüllte Papiere (wegen der Stabilität handelt es sich hier um Blech) folgerichtig zu schwarzen Knüllplastiken auf Sockeln, mehr noch: Er nahm sich formlos zerschredderter Papiere an und gab dem Chaos des Zufalls wieder ordentliche, stellenweise sogar stabile Formen. So erhebt sich denn im Ausstellungssaal als Gegenpart zur Aktenordner-Säule ein riesiger säuberlicher Kegel aus Schredderpapier – eine wirklich perfekte handwerkliche Leistung, der man nur wünschen kann, dass sie im Laufe der Ausstellung nicht durch pustende oder unachtsam vorbeistreifende Besucher attackiert wird.

Um dem Zerfall auf dieser Stufe außerkünstlerischer Banalität vorzubeugen, hat Hörl dann Schredderpapiere auch in  verglaste Wandkästen gepresst, in einem Fall sogar in eine abschließbare (!) Schauvitrine, die an die Möblierung von Juwelierläden erinnert. Das ist von beunruhigendem Witz und lässt einen nicht mehr los. Was hat wohl auf dem Papier gestanden, welche unverzichtbaren Mitteilungen wurden hier geopfert? Warum mussten sie vernichtet werden, waren sie so brisant? So entbehrlich? So überholt? Als Abfall beharren sie aber zugleich auf ihrer Bedeutung als abgehobenes Kunstwerk. Was wird hier desavouiert? Die Kunst? Die Arbeit? Menschliches Schaffen schlechthin? Mit der Schredder-Vitrine hat Hörl eine Denk-Spirale geschaffen, die sich von ihrem Ende immer wieder zum Anfang windet, denn sie dokumentiert Vernichtung zugleich mit dem Anspruch, das Vernichtete zu schützen als ganz besondere Kostbarkeit.

Was nun? Mit welcher Quintessenz kann der Besucher nach Hause gehen? Mit dem flauen Gefühl im Bauch, dass alles, was er getan, gedacht, geschrieben hat, was er sorgfältig plante, ausführte und der Nachwelt stolz hinterlässt – dass alles das irgendwann weg ist. Oder aber nicht mehr verstanden wird, unzugänglich eingeschlossen in einer Vitrine, zu der es keinen Schlüssel mehr gibt. Ein Schicksal, das er mit den größten Meistern teilen kann: Wenn Sie ein Bild von Rubens sehen, verstehen Sie dann wirklich, was gemeint ist? Haben Sie den geistigen Schlüssel einfach so parat, der Ihnen Bedeutungen zugänglich macht?

Oh Gott. Da ist es kein Wunder, dass Schwindel erregende Outdoor-Fotos auf der Empore des Ausstellungssaals das Karussell des Sehens/Denkens fortsetzen. Mit Arbeit haben auch die (ein bisschen) zu tun, denn Hörl montierte die Kamera auf einem Elektrobohrer. Unverschämt.

Infos:

Mannheimer Kunstverein, Augustaanlage 58, Ottmar Hörl, „Handlungsanweisung zur Erlösung des Schwarzen Quadrats“, 5. Februar bis 16. April 2017, www.mannheimer-kunstverein.de

Ottmar Hörl stellt nicht zum ersten Mal in der Rhein-Neckar-Region aus. Er war 1992 beteiligt an der Themenschau „Zufall als Prinzip“ im Ludwigshafener Hack-Museum. 2003 zeigte die Mannheimer Galerie Peter Zimmermann den Werkkomplex „Biotope“. Seit 2008 ist Hörl im Programm der Galerie Friedrich W. Kasten in Mannheim, die 2010 seine „Meisterstücke“ zeigte und auf den Galerientagen 2015 mit einem riesigen pinkfarbenen Dürer-Hasen prunkte. Auch die Heidelberger Galerie Kunstmaßnahmen zeigte 2012 Arbeiten von Hörl. Im kleinen Shop des Mannheimer Kunstvereins war lange Zeit das Objekt „Unschuldsseife“ im Angebot – säuberlich in ein Kästchen gebettet, lag da ein reales Seifenstück mit der Prägung „Unschuld“ - die Auflage entsprach hintersinnig der damaligen Bevölkerungszahl der Bundesrepublik.


Foto: Manfred Rinderspacher (Copyright)

Ach, weil's so schön ist: Hörls pinkfarbener Riesen-Hase (Copyright), 2015 präsentiert von der Galerie Kasten bei den Mannheimer Galerientagen. Ähnliches Aufsehen erregte wohl nicht ganz Albrecht Dürer mit seinem feinen, detailgetreuen Aquarell, das die Zeitgenossen dennoch irritierte: ein Hase, ernsthaft porträtiert? So eine Banalität landete zwar normalerweise auf dem Teller, aber hielt Meister Dürer sie tatsächlich für bildwürdig? Anstelle von Jesus, Maria und Heiligen? Anstelle von betuchten Auftraggebern? 1502 malte Albrecht Dürer den Feldhasen in Aquarell- und Gouachefarben. Das Blatt gehört zu den meistreproduzierten Werken der Kunstgeschichte und ist im Besitz der Graphischen Sammlung Albertina in Wien. Mit seiner rosafarbenen seriellen Plastik-Nachschöpfung greift Hörl das Phänomen auf, dass Betrachter umso flüchtiger hinsehen, je häufiger ein Werk in der Öffentlichkeit erscheint, dass sie aber wieder hingucken, wenn es in geordneter Masse auftritt: Hörls Arbeiten sind ein Appell an aufgewecktes Sehen.


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