Persepolis

Die Säulenreste der Apadana-Halle in Persepolis. Die Halle war mit ihren 20 Meter hohen Säulen, bei denen Stierkapitelle das Dach trugen, eines der architektonischen Wunder der Antike.
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Wikimedia Commons

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17-08-2003/ Update 26-05-2008

Der Palast, in dem die Sonne auf- und untergeht
In Persepolis sind Glanz und Geist einer alten Kultur noch immer zu ahnen

Von Christel Heybrock

Was der Boden noch alles birgt, weiß niemand. Das iranische Hochland der Provinz Fars ist reich an unerforschten archäologischen Schätzen, aber auch Ausgrabungen haben noch lange nicht letzte Klarheit geschaffen. Wer als Tourist im Südwesten des Landes nach Shiraz kommt, kann gar nicht umhin, auch das 80 Kilometer entfernte Persepolis aufzusuchen – das Glanzlicht persischer Geschichte, Identifikationsort der Iraner noch heute, obwohl oder gerade weil er in vorislamische Zeiten zurückreicht. Noch der letzte Schah Mohammad Reza Pahlevi träumte von der Wiedererweckung des Ruhms der Achämeniden von vor zweieinhalb Jahrtausenden und versorgte Persepolis mit einem riesigen Parkplatz, Kioskanlagen und einer Infrastruktur, die seitdem gerade mal erhalten, aber ansonsten gähnend leer bleibt. Die paar Hundert Besucher täglich verlieren sich sofort in den monumentalen Dimensionen der Auffahrt.

Was genau Persepolis einst gewesen ist, lässt sich nur grob umreißen, aber nicht präzise definieren: sowohl königliche Palastanlage als auch Zeremonialstätte mit Sonnensymbolik, sowohl Verwaltungszentrum als auch Schatzhort eines Riesenreiches und nicht zuletzt politischer, sozialer und kultureller Brennpunkt eines Vielvölkerstaates, der auf seinem Gipfel rund 30 Ethnien vereinte. Dazu muss man etwas ausholen. Der Dynastiegründer Achämenes und seine Nachfolger Teispes, Cyrus I. und Cambyses I. führten im siebten Jahrhundert v. Chr. die Perser (die zum ersten Mal in der Gegend des Urmiasees registriert werden) nach Süden, immer einerseits Gebiete erkämpfend und andererseits sich geschickt arrangierend mit den Mächtigen. Ein Reich aber entstand erst unter Cyrus II. dem Großen (559-530 v. Chr.), der nicht nur die Meder  und 545 v. Chr. die Lyder mit ihrem legendären König Krösus unterwarf, sondern dem es 539 sogar gelang, das mächtige Babylon zu besiegen. Die bis heute faszinierende und als Vorbild jeder Macht leuchtende Leistung von Cyrus bestand in einem damals ganz neuen Bewusstsein von Verantwortung und dem Prinzip großzügiger Liberalität: Cyrus einte das persische Reich einerseits durch straffe Organisation und andererseits dadurch, dass er den besiegten Völkern ihre kulturelle und religiöse Identität ließ.

Dass die neue Großmacht auch ein architektonisches Zentrum brauchte, muss lange in der Luft gelegen haben. Vorerst richtete sich Cyrus jedoch ganz angenehm in einer medischen Eroberung ein, in Pasargad (Pasargadae), dessen spärliche Reste man heute noch aufsuchen kann, so lange das Projekt eines Staudamms, mit dem das Mullahregime die gesamte Region überfluten will, noch nicht realisiert ist. Empfangshalle, Wohnpalast, ein kleiner Turm (genaues Vorbild des Feuer- oder Kalenderturms von Naqsh-e-Rostam) und andere Bauteile ließ Cyrus offenbar einbetten in geschickt bewässerte Gartenanlagen, und auch sein Grabmal entstand in der Nähe. Ob Cyrus viel gehabt hat von seinem Domizil, wissen wir nicht, er war oft unterwegs und starb 530 in einer Schlacht gegen die Skythen im Norden – Pasargad war damals noch nicht fertig und wurde es offenbar auch unter seinem Sohn und Nachfolger Cambyses II. nicht (530-522). Selbst dessen Nachfolger Darius I. hat in Pasargad noch gebaut. Cambyses, der 525 sogar Ägypten eroberte, war ein finsterer Machtneurotiker; die Geschichte seines Brudermordes und der anschließenden Machtergreifung eines Magiers, der sich während der Abwesenheit von Cambyses für dessen heimlich ermordeten Bruder ausgab (damals gab’s eben weder Fernsehen noch kritische Presse) – sie wäre ein ausführlich zu erzählender Politkrimi, für den hier kein Platz ist.

Pech für Cambyses: er starb 522 auf dem eiligen Rückmarsch aus Ägypten an einer Blutvergiftung und hinterließ nicht mal Nachkommen. Der junge Darius jedoch, den man über mehrere Ecken als Neffe bezeichnen könnte und der ihn nach Ägypten begleitet hatte, sah nun seine Stunde gekommen – mit Darius I. dem Grossen (522-486) hatten die Achämeniden ihre zweite (und bereits letzte) Herrscherpersönlichkeit, die man auch im ethischen Sinn als bedeutend ansehen kann. Darius musste innerhalb eines Jahres nicht nur den aufsässigen Magier, sondern praktisch alle bereits ins Reich eingegliederten Völker noch einmal niederwerfen – das kurze Machtvakuum hatte sofort zu Auflösungstendenzen geführt, woran die unbeliebte Person des Cambyses sicher nicht unschuldig gewesen war. Darius nun, der sich auch einen reich ausgestatteten Winterpalast im milden Klima von Susa errichten ließ, Darius gilt als der Gründer von Persepolis. Der Plan, auf der Hochebene von Fars, in der Persis,  einen großen Palast zu errichten, nicht allzu weit entfernt von Pasargad und dem bis auf die Elamer zurückreichenden Zeremonialort Naqsh-e-Rostam, der Plan jedoch scheint schon vor Darius bestanden zu haben.

Der Tadjara, der Wohnpalast des Darius, in einer Rekonstruktion des Architekturhistorikers Charles Chipiez, der Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit dem Archäologen Georges Perrot eine große Orientreise machte und seine Zeichnungen in einem zehnbändigen Tafelwerk veröffentlichte.

Der Tadjara, der Wohnpalast des Darius, im heutigen Zustand. Geblieben ist nichts als ein Ensemble aus Tür- und Fensteröffnungen sowie der Sockel mit den fein dekorierten Treppenaufgängen.
Foto: Elnaz Sarbar/Wikimedia Commons

Am Fuss des Berges Kuh-e-Rahmat wurde eine 300 Meter breite und rund einen halben Kilometer lange Terrasse aus dem Stein gehauen und mit einer 15 Meter hohen Mauer befestigt. Auf den Stützmauern im Südwesten, wo sich der Zugang befand, ließ Darius in drei Sprachen lange Inschriften über seine politischen Taten und sein Selbstverständnis als von Gott (Ahura Mazda) eingesetzter weiser Herrscher anbringen. Auf der Terrasse selbst errichtete er einen unerhörten Audienzsaal (Apadana, siehe Foto oben) mit 36 schlanken Säulen von 20 Metern Höhe, einen repräsentativen kleinen Wohnpalast (den sogenannten Tadjara, in dem er sich anlässlich der großen Empfänge aufgehalten haben dürfte) sowie ein Mehrzweckgebäude, das als Magazin für Vorräte, Staatsakten und für den von peniblen Beamten verwalteten Staatsschatz diente. Drei Bauten insgesamt. Nicht mehr. Alles war freilich vom Feinsten – Künstler, Baumeister und Handwerker aus dem ganzen Reich trugen zur Ausstattung bei, der (oder die) Apadana wurde mit einer Treppenkonstruktion hervorgehoben, deren von Reliefs geschmückte Aufgänge noch heute entzücken: Meder, Elamer, Assyrer, Babylonier, Ägypter, Parther, Skythen, Griechen, Araber, Inder...alle tributpflichtigen Völker kommen im Stein zusammen, angeordnet in Reihen hintereinander zwar, aber mit erstaunlich lebendigen, individuellen Details und Gesten versehen.

Wachsoldaten vom Apadana. Charakteristisch für das Bildprogramm von Persepolis ist die geflügelte Sonne auf dem Fries oben, die rechts und links von Greifen bewacht wird. Das Motiv deutet auf die religiös (durch den Gott Ahuramazda)  legitimierte Herrschaft der Achämeniden hin.
Foto:
Arad/Wikimedia Commons

Bis heute sind sie kenntlich durch ihre charakteristische Kleidung und ihre jeweiligen Landesgaben, und der König, von Kronprinz und Würdenträgern begleitet, sitzt auf dem Thron, ohne dass die Pracht seiner Darstellung die Vasallen auf die Knie zwingen würde – er ist einfach die Zusammenfassung des Reiches und gibt in den mächtigen Türgewänden seines Privatpalastes sogar ganz menschliche Bedürfnisse preis: Dort sieht man ihn begleitet von Dienern mit Sonnenschirm, Fliegenwedel und Handtuch. Nicht ein einzelner Herrscher hat seine Person hier überhöht und verewigt, sondern es geht um die Gesamtheit eines Weltreiches mit den Vertretern aller dazu gehörenden Völker. Die künstlerische Demonstration von Macht, wie sie etwa bei den Assyrern nur aus den Szenen blutiger Siege und gedemütigter Verlierer bestanden hatte, bekam hier eine ganz neue Dimension, ein zivilisatorisches Element, mit dem wir uns heute noch identifizieren können.

Persepolis unter Darius I. scheint geschaffen worden zu sein, um dem Vielvölkerstaat seine organisatorische und moralische Mitte zu geben. Welche Ethnien zum Bau und dessen Ausstattung beitrugen, wurde beispielsweise zuvor beim Susa-Palast in den Inschriften ausdrücklich erwähnt, und man kann davon ausgehen, dass auch in Persepolis die Menschen gehörig stolz auf sich waren. Ähnlich wie beim Pyramidenbau in Ägypten, das Darius als Lanzenträger des Cambyses ja gut kennen gelernt hatte, waren es keine Sklaven, die hier unter der Peitsche brutaler Aufseher schufteten, sondern gut bezahlte Arbeiter. Und ähnlich wie die Pyramiden musste Persepolis abgesehen von seiner großen Stützmauer auch nicht militärisch gesichert werden, es war kein Ort, den man vor Angriffen hätte schützen müssen – nicht einmal Pasargad war außer durch eine hohe Terrassenmauer befestigt worden, was angesichts der hervorragenden Straßenpolizei und des funktionierenden Postwesens auch gar nicht nötig war. (Die Archäologin Heidemarie Koch kann beispielsweise zwischen Susa und Persepolis 22 Poststationen im Abstand von je 24 km nachweisen.) Gekämpft wurde höchstens noch außerhalb des Kernlandes. Daraus wird es erklärlich, dass Persepolis außerhalb des Großreichs kaum oder gar nicht bekannt war: Persepolis war der Brennpunkt des inneren Zusammenhalts.

Steht man heute zwischen den beweinenswerten Resten der hohen Apadana-Säulen und blickt ins Land, bekommt man noch immer ein Empfinden für einstige Größe. Das liegt einmal an der Weite ringsum und den eleganten Dimensionen der Palastanlage, zum andern an einer ungeklärten kosmischen Ausrichtung. Die Lage am Fuß des Kuh-e-Rahmat ist zweifellos sorgfältig gewählt worden, aber in der archäoastronomischen Forschung, die in Persepolis mit großer Sicherheit auch eine kalendarische Funktion vermutet, wird das Phänomen nicht diskutiert, dass die ganze Anlage sich nach mehreren Himmelsrichtungen präsentiert mit einer frappanten Ausrichtung nach Westen, nach Sonnenuntergang also statt nach Sonnenaufgang, was man eigentlich hätte erwarten müssen. Bei dem für das persische Neujahrsfest so wichtigen Termin des Äquinoktiums am 21. März fällt zwar die Sonne frühmorgens, wie der iranische Althistoriker Ali Farahmand beobachtet hat, durch das immer noch beeindruckende „Tor aller Länder“ – aber sie geht hinterm Berg auf und muss durch eine Schneise im Rücken der Palastanlage brechen.


Rekonstruktion des "Tors aller Länder" von Charles Chipiez (1835-1901). Nach der Verlegung des Eingangs durch Xerxes I. betraten die Gesandten der Völker die Palastanlage über einen atemberaubenden Treppenaufgang schließlich durch dieses Tor. Im Hintergrund rechts der Berg Kuh-e-Rahmat.

Die ganze Ausrichtung wurde im übrigen von Xerxes I. (486-465), dem Sohn des Darius, geändert. Darius hatte zwar die phantastischen Treppenaufgänge des Apadana sowie die Versammlungsfläche der Völkerscharen nach Osten gelegt, ins Innere der Terrasse also, aber steht man in der Halle selbst, so scheinen die mächtigen Säulen den Raum nach Westen zu öffnen und den Blick zur entgegengesetzten Orientierung in die Ferne zu leiten. Befand sich der Zugang zur Terrasse ursprünglich im Südwesten, so vergrößerte Xerxes die Bauvorhaben derart, dass er nun die einen halben Kilometer lange Westfront mit einem Treppenaufgang versehen musste, der seinesgleichen sucht. Um alle mit Neujahrsgeschenken herbeieilenden Vertreter der Völker zwischen den imposanten neuen Palästen richtig zum Apadana zu leiten, wurden das machtvolle Tor aller Länder sowie die Verlegung des Apadana-Zugangs an die Nordseite zwingend notwendig. Außerdem - der Apadana war zwar als zentrale Empfangsstätte nicht mehr zu revidieren, aber der neue Hundertsäulensaal im Osten, also noch weiter im Inneren der Terrasse, hatte mit seinen fast 5000 Quadratmetern noch ganz andere Ausmaße! Das Tor aller Länder fungierte also nicht nur als Klammer der Völkerscharen, sondern auch als architektonischer Knotenpunkt, verband es doch die riesige Aussentreppe, die im Westen auf die Terrasse führte, mit dem Zugang zu den inneren Palästen im Osten und mit einer weiteren Öffnung zur neuen Apadana-Fassade im Norden. 

Übrigens scheint es Xerxes geärgert zu haben, dass er auf den Reliefs des thronenden Darius nur als Kronprinz vorkam – diese Darstellungen fanden die verblüfften Archäologen im ehemaligen Schatzhaus, wo Xerxes sie offenbar den Augen der Öffentlichkeit entzogen hielt. Denn auch das Bildprogramm liess Xerxes etwas ändern, beziehungsweise ein bisschen schludrig ausbreiten. In Persepolis wurde nicht nur unter ihm, sondern bis zum Ende der Dynastie gebaut und gebaut, mehrmals wurde das Schatzhaus vergrößert, ein Wohnpalast (der Hadish mit einer 36-Säulen-Halle) sowie ein Harem mussten her (Darius hatte sein privates Domizil noch außerhalb der Palastanlage in der Ebene), es entstand ein ominöser kleiner Verbindungsbau mit mächtigen, reliefgeschmückten Torgewänden im Zentrum (das sogenannte Tripylon), und und und. Als Alexander 330 v. Chr. Persepolis in Brand steckte (was vielleicht ein Versehen war), hatten all die Xerxesse, Artaxerxesse und Dariusse die Anlage noch immer nicht fertig gestellt. Einer ihrer Ausgräber, Ernst Herzfeld, geht davon aus, dass mühelos 10.000 Personen in den Empfangssälen Platz hatten. Außerdem konnten mehrere Tausend Soldaten stationiert werden, ganz zu schweigen von all den Dienern, Aufsehern und penibel die eingehenden Staatsschätze registrierenden Beamten. Wie solche Menschenmassen mit Essen, Trinken und Hygiene versorgt wurden, ist kaum vorstellbar, aber zumindest für ein ausgeklügeltes Netz aus unterirdischen Wasserkanälen war stets gesorgt worden, bevor gebaut wurde.

Der Brand, der letztlich einem Weltreich zwischen Indus und Griechenland, Ägypten und Kaspischem Meer ein Ende setzte, zerstörte eines der Wunder der damaligen Zeit. Der Brand konservierte aber auch rund 30.000 Tontäfelchen, die ohne das Feuer irgendwann zerfallen wären, und wie es einst dort in dem summenden Bienenschwarm zuging, können die Archäologen heute anhand der nüchternen Buchführung auf Ton rekonstruieren (die wissenschaftliche Auswertung ist noch lange nicht abgeschlossen, Heidemarie Koch zieht in ihrem Buch „Es kündet Dareios der König...“ eine erste Bilanz). Die Männer Alexanders transportierten den Inhalt des bis unters Dach vollgestopften Schatzhauses auf ganzen Karawanen ab, und so weit sie nicht verbrannt waren, riss man sich noch um jeden Fetzen kostbarer Gewandstoffe, von denen sicherlich, wie Heidemarie Koch andeutet, so mancher in westlichen Kirchen heute noch die Gebeine eines Märtyrers umhüllt. Persepolis war mehr und mehr auch zu einem Zentrum des Luxus geworden. In dem kleinen Museum, an dessen Stelle sich einst der Harem befand, sind außer anderen mageren Resten auch noch ein paar goldene Stifte zu sehen, mit denen die Beschläge an den kostbaren Möbeln befestigt worden waren.

Die innere Berechtigung der Anlage aber scheint nicht zuletzt eine kosmisch-kalendarische Funktion gewesen zu sein. Cyrus ebenso wie Darius bezogen die ethische Legitimität ihrer Herrschaft aus der Religion Zarathustras, die als ursprünglich streng monotheistischer Glaube die Vielfalt der lokalen Götter sowie die Tieropfer bekämpfte. Selbst für den König galt, dass er seine Emotionen zu kontrollieren hatte, sich der Gerechtigkeit gegen jedermann befleißigen musste und positive Taten aus positivem Denken entstehen lassen sollte. Die noch immer bewundernswerte Organisation und Klarheit der politischen und sozialen Strukturen resultierte direkt aus solchen Selbstansprüchen. (Freilich gingen Errungenschaften wie etwa die korrekte Buchführung noch auf die Elamer zurück, wie Heidemarie Koch erwähnt: Die Araber brachten solche zivilisatorischen Leistungen Jahrhunderte später über Sizilien bis nach Europa.) Dass sich (nicht nur) in Persepolis im Laufe der Zeit eine höchst unübersichtliche Mixtur aus Zarathustra-Glauben und anderen, älteren Überzeugungen ausbreitete, war wohl nicht zu verhindern. Die Palastanlage ist jedenfalls voll von Bildsymbolen, die geheimnisvoll über sich hinaus weisen.

Was dem Besucher immer wieder begegnet, sind Sonnenzeichen. Selbst der Rosettendekor, der beispielsweise an den Treppenaufgängen des alten Dariuspalastes die ansteigenden Szenen der Diener rahmt, wird als Sonnenemblem gedeutet. Und ganz gewiss weist das Königsemblem, die geflügelte Sonnenscheibe mit der Figur Ahura Mazdas darin, auf  den Zusammenhang von Herrschertum und Licht. Häufig ist aber auch das Bildmotiv des Löwen, der einen Stier reißt, sowie das Motiv des Helden, der sich einem auf den Hinterpfoten stehenden Ungeheuer gegenüber sieht und ihm den Dolch in den Bauch rammt. Der Löwe geht noch auf uralte elamische Vorstellungen zurück – er ist Zeichen der Sonne, die den Winter (= Stier) besiegt. Noch auf der Fahne der letzten Schah-Dynastie, der Pahlavis, hält ein Löwe, auf dessen Rücken sich die Sonne erhebt, ein Schwert empor.

Der Historiker Ali Farahmand sieht sogar in den Reiterszenen der Sassaniden (die sich im damals lange zerstörten Persepolis ja nicht mehr aufhielten) eine Verbindung zu den traditionellen Darstellungen der Tierkreiszeichen am Himmel, beispielsweise zum Schützen (Sagittarius). Auch die Planeten, vor allem Mars und Jupiter, seien als Bildsymbole, die jeweils zugleich auf den Herrscher bezogen sind, in der altpersischen Ikonographie präsent, so Farahmand. Die Lust an Bildverschlüsselungen ist sicherlich unter den Sassaniden mit ihrer prunkvollen Hofhaltung noch ausgeprägter gewesen. Aber wäre es völlig absurd, die uralte elamische Vorstellung von Löwe (der am Himmel ein Frühlingssternbild abgibt) und Stier (einem Herbst-/Wintersternbild) mit Sternkonstellationen in Zusammenhang zu bringen?

Dass der Held mit dem Dolch das Ungeheuer der Finsternis tötet und daher das tut, was die Pflicht des Königs ist, steht außer Zweifel. Aber in Persepolis ruhte beispielsweise das Dach des westlichen Apadana-Portikus auf Kapitellen aus mächtigen Stierkörpern, die Dachbalken des Ostportikus dagegen wurden von Löwengreifen getragen. Was stand dahinter als Vorstellung? Dass die Symbole der Finsternis es sind, die den Schutz der Menschen wahren? Gehörte die komplizierte Vorstellung von der Dualität jedes Lebens zum geistigen Bewusstsein der Epoche? Galt die Überzeugung als verbindlich, dass es ohne Finsternis kein Licht gibt? Wurde deshalb das Feuer der zarathustrischen Altäre nicht nur im Freien entzündet, sondern auch in dunklen Turmkammern wie in Naqsh-e-Rostam gehütet? Hatte die seltsame Vermischung des Zarathustra-Glaubens mit dem Mithraskult, der ja zunächst von Zarathustra bekämpft worden war, in der Symbolik des Feuers ihren Ursprung?

Die Mithräen, so der Historiker Jan Cierny und der Astronomieprofessor Wolfhard Schlosser in ihrem Buch „Sterne und  Steine“, seien deshalb so dunkel gewesen, weil die Gläubigen darin auf die Epiphanie des Lichts warteten. Dass die beiden Autoren die Säulen des Apadana in Persepolis  buchstäblich als Sonnenuhr für den Termin des Neujahrstages definieren und den Zeitpunkt auch noch auf die Sommersonnenwende legen, das kann nicht der Realität entsprochen haben, auch wenn die nackten Steinreste so etwas heute nahelegen. Der Berg im Rücken mit seiner von den Säulenachsen deutlich versetzten Schneise, die heute nicht mehr sichtbare prachtvolle Dach- und Deckenkonstruktion über den 20 Meter hohen Apadana-Säulen, die einst mehr als fünf Meter dicken Ziegelmauern sowie benachbarte Paläste dürften die Sonne damals an dieser Funktion gehindert haben. Nur von Westen fangen die Säulen die Strahlen der Sonne ungehindert ein - bei ihrem Untergang freilich, nicht bei ihrem Aufgang.

Die Autoren erwähnen jedoch ein seltsames Phänomen im Tripylon, jenem zentralen, aber kleinen Verbindungsbau zwischen Apadana, Hundertsäulensaal und Hadishpalast. Zunächst stellt man als Besucher heute fest, dass, ähnlich wie das Tor aller Länder im Nordwesten der Terrasse, auch das Tripylon im Südosten eine Klammerfunktion hat sowohl hinsichtlich der umgebenden Bauten als auch der Himmelsrichtungen, zu denen es sich öffnet: nach Norden, Süden und Osten nämlich. Zieht man zwischen Tripylon und Tor der Länder eine Luftlinie, so liegen beide ziemlich genau in einer der beiden Diagonalachsen der Gesamtanlage, was sicherlich kein Zufall, sondern Zeichen ihrer architektonischen Funktion ist. Erst unter Artaxerxes I. entstanden (und  keineswegs, wie Schlosser und  Cierny angeben, Teil der ältesten Anlage von Persepolis), barg das Tripylon aber auf dem Fußboden ein Quadrat mit einem rätselhaften, eingravierten Kreis von wenigen Zentimetern Durchmesser. Man kann ihn heute noch sehen, freilich ohne ihn besonders beachtenswert zu finden. Dieser Kreis jedoch scheint nicht nur in der Interpretation von Schlosser und Cierny eine zentrale Bedeutung gehabt zu haben: Durch ein Loch in der Decke muss an einem bestimmten Punkt des Jahres das Licht direkt auf diesen Kreis gefallen sein. Und die Zahl der Menschen, die das beobachteten, war wegen der engen Räumlichkeit des Tripylons verschwindend klein im Vergleich zu der Fülle, die sich sonst in Persepolis aufhielt. War es der König mit engsten Vertrauten? Der Hohepriester mit Gehilfen? Wer auch immer, es waren Auserwählte, und sie verfügten über die Definition der Zeit und der Struktur des Jahresablaufs für das ganze Reich.

Sonnenuntergang hinter den Säulen des Apadana. Warum war die Palastanlage so gezielt nach Westen ausgerichtet, obgleich der Zugang unter Darius im Süden lag? Der Herrscher, der einst hier stand und dem Sonnenuntergang zusah, war sich bewusst, dass seine erstaunlichsten Eroberungen im Westen lagen und dass Persepolis in jeder Hinsicht den Nabel des Reiches darstellte.
Foto: Alireza Pourhassan/Wikipedia

Persepolis, Zentrum der Macht, des Luxus, der Ordnung und der Zeit. Wer heute zwischen den Säulen des Apadana dem Untergang der Sonne zuschaut, ahnt womöglich, warum sich die Palastanlage so bewegend nach Westen geöffnet haben könnte: Persepolis symbolisiert die gesamte Ausdehnung eines einstigen Weltreichs, das von Osten nach Westen, von Süden nach Norden reichte. Mit dem Sonnenaufgang im Rücken und der Wanderung des Gestirns über den Tag, über die einen halben Kilometer breite Terrasse mit ihren Treppen, Toren und Palästen, wurde bis zum Sonnenuntergang alles berührt, mit der Gewissheit, dass am nächsten Morgen das gleiche Spiel von neuem begänne, der gleiche Beweis, dass in Persien wie in Persepolis die Sonne auf- und untergeht, als drehe sie sich nur um diesen Ort. Die schachbrettartige Anlage dürfte auf diese Weise nicht nur ein Äquivalent, sondern geradezu Vorbild der in die Felsen geschnittenen Kreuzformen der Grabanlagen von Naqsh-e-Rostam gewesen sein.

Die Sonne wandert noch heute über die Ruinen. Die Araber, von der alten persischen Hochkultur als Barbaren betrachtet, zerstörten tatsächlich im Zuge der islamischen Eroberung das, was der Brand Alexanders noch hatte stehen lassen, und den Rest besorgte die Zeit. Aber Persepolis, das war auch eine Idee. Eine Idee vom Herrschertum, von dem einen, alles umfassenden Gott und von der Einbindung des Menschen in kosmische Zyklen. Sie lässt sich nicht mehr präzise fassen. Um jedoch Ideen zu zerstören, dazu braucht es andere Dinge als Flammen und Schwert.

Infos:

- Wolfhard Schlosser, Jan Cierny: „Sterne und Steine. Eine praktische Astronomie der Vorzeit“, Verlag Konrad Theiss, Stuttgart 1997, 178 Seiten, 10 Schwarzweißtafeln, 36 Euro, ISBN 3-8062-1318-6, http://www.theiss.de/

- Heidemarie Koch: „Es kündet Dareios der König...“, Verlag Philipp von Zabern, 3. Auflage Mainz 2000, 310 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 24,80 Euro, ISBN 3-8053-1934-7, http://www.zabern.de/ (vergriffen)

- Heidemarie Koch: "Persepolis. Hauptstadt des achämenidischen Großreichs", Yassavoli Publications, Teheran 2000, ISBN 964-306-049-7, Text deutsch, mit Fotos von Afshin Bakhtiar u.a., nur in Iran erhältlich, http://www.yassavoli.com/

- Walther Hinz: „Darius und die Perser. Eine Kulturgeschichte der Achämeniden“, Holle Verlag, Baden-Baden 1976, 256 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 3-87355-165-9 (vergriffen)

- Mündliche Informationen von Ali Farahmand, Shiraz/Iran, Tel. 0098-711-2289482, E-Mail: Ali_7082003@yahoo.com

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