Das persische Weltreich, eine Ausstellung in Speyer 2006

Die Ruinen von Persepolis im Hochland des Iran. Aus der weitläufigen Anlage hier der Blick auf den Palast des Darius.
Foto: Dr. Michael Alram (Copyright), Kunsthistorisches Museum Wien


Winzlinge aus einem Großreich: die beiden Gewandapplikationen in Form silbervergoldeter Löwenköpfe sind eben mal 5 cm hoch. Die Kostbarkeit derart geschmückter Gewänder am Hof des Achämenidenreiches vermitteln sie nur sehr fragmentarisch. Die beiden Objekte stammen aus Leiden und Karlsruhe.
Foto: Historisches Museum der Pfalz Speyer (Copyright) Peter Haag-Kirchner

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11-08-2006

Update 12-01-2015

Was übrig blieb von Glanz und Ruhm

Das Historische Museum Speyer erinnerte 2006 an das persische Großreich der Achämeniden

Von Christel Heybrock

Man nimmt hier schon den Mund ziemlich voll. „Das persische Weltreich. Pracht und Prunk der Großkönige“ – ein solcher Ausstellungstitel weckt Erwartungen an altorientalische Kostbarkeiten, die es mindestens mit der Schau „7000 Jahre Kunst in Iran“ aufnehmen sollten (1962 in der Villa Hügel in Essen).  Aber, ach, der Anspruch im Historischen Museum der Pfalz zu Speyer mag hoch sein, die Erfüllung sollte man sich nicht allzu überwältigend vorstellen. Vor einigen Monaten hat die Museumsleitung gewechselt, und Cornelia Ewigleben (Nachfolgerin des Organisationsgenies Meinrad Maria Grewenig) hinterließ nach den wenigen Jahren ihrer Tätigkeit eine empfindliche Lücke in der Ausstellungsplanung, die der neue Direktor Alexander Koch nun möglichst geschickt ausfüllen muss. (Alexander Koch wechselte inzwischen übrigens 2011 nach Berlin als Direktor des Deutschen Historischen Museums.)

Irgendwie kam er auf die persische Achämeniden-Dynastie, die zwischen 550 und 330 v. Chr. regierte und zeitweise den gesamten Vorderen Orient zwischen Donaudelta, Ägypten und Indus in einem Weltreich einte. Das Thema ist in der deutschen Ausstellungsszene fast nicht mehr präsent gewesen seit der üppigen und historisch ja auch viel weiter ausgreifenden Veranstaltung in der Villa Hügel. Die aktuellen Konflikte der westlichen Welt mit dem Mullahregime in Teheran mögen zudem die Frage aufwerfen, wie weit man im fernen Europa aus der Geschichte des einstigen Großreiches die Mentalität auch der heutigen Menschen verstehen lernen könnte – und tatsächlich haben die Achämeniden-Herrscher Cyrus und Darius das Selbstverständnis der modernen Iraner mindestens ebenso geprägt wie der Islam, der im 7. Jahrhundert n. Chr. über die damalige Hochkultur der Sassaniden-Dynastie brandschatzend hereinbrach (aber in Persien nicht der letzte Eroberer barbarischen Zuschnitts blieb).

Erstaunlicherweise gibt es noch eine handfestere Verbindung zwischen Speyer und den Achämeniden, und das ist eine Bronzeschale, fast 2500 Jahre alt, in Form einer großen Lotusblüte. Das gute Stück, einstmals womöglich ein Ritualobjekt, geriet in den 1980er Jahren in den Speyerer Domschatz, wurde mit einer Goldauflage versehen und wird seither als Kommunionsschale benutzt, also nach Jahrtausenden erneut zu kultischen Zwecken. In der Museumsausstellung jedoch sind so viele Bronze- und Silberschalen zu sehen (viele davon ebenfalls in Lotus- oder anderen Blütenformen), dass die Omphalos-Schale aus dem Domschatz kaum noch auffällt. Die trotz ihrer Unterschiede einander doch alle ziemlich ähnelnden Gefäße wurden zudem in stimmungsvollem Schummerlicht zu einem fiktiven Gastmahl arrangiert, und in der Ausstellungsinszenierung spielen derartige Anhäufungen auch bei einer endlosen Zahl von Münzen, Siegeln, Gefäßhenkeln, Schmuck und griechischer Vasenkunst eine Rolle.

Unerlässlich in jeder Achämeniden-Ausstellung: der berühmte silbervergoldete Gefäßhenkel in Form eines springenden geflügelten Steinbocks. Das kostbare Objekt ist immerhin 27 cm hoch und wurde aus der Antikensammlung der Berliner Museen ausgeliehen (ein Pendant befindet sich im Louvre).
Foto: BPK/Antikensammlung SMB (Copyright), Johannes Laurentius

Nur ganz wenige Originalexponate stellen wirklich die künstlerischen Spitzenwerke der Zeit dar, beispielsweise der berühmte silbervergoldete Gefäßhenkel in Form eines geflügelten springenden Steinbocks aus der Antikensammlung der Berliner Museen (sein Pendant befindet sich Pariser Louvre). Oder als eines der wenigen großformatigen Originalstücke ein Kalksteinrelief aus Persepolis mit der feinen Darstellung eines Meders, der mit einem Deckelgefäß in den Händen eine Treppe ersteigt. Das Relief wurde aus dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe ausgeliehen – womit zugleich das Dilemma des ganzen Ausstellungsunternehmens angedeutet ist. Die zumeist winzigen, oft nur wenige Zentimeter großen Exponate kommen fast alle aus deutschen, beziehungsweise europäischen Sammlungen. Leihgaben aus dem Iran oder einem anderen Land des Nahen Ostens waren in der Kürze der Vorbereitungszeit natürlich nicht greifbar – dazu braucht es langjährige, vertrauensvolle Kontakte und wohl auch eine politisch entspanntere Großwetterlage. Der Attraktivität der Ausstellung aber hat dieses Manko natürlich geschadet, ebenso wie der Mißstand, dass vor allem die großformatigen Ausstellungsstücke fast immer Repliken sind.

Eines der wenigen großformatigen Originale in der Speyerer Ausstellung: das feine Relief eines Meders, der eine Treppe emporsteigt, entliehen aus dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Das 75 cm hohe Kunstwerk stammt von einer der Treppenwände in der Palastanlage von Persepolis.
Foto: Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Copyright) Thomas Goldschmidt

Da ließen sich ein Streitwagen, das Grab des großen Königs und Reichsgründers Cyrus (dessen sorgsam restaurierte Originalgrabstätte in der Nähe von Pasargadae ebenso wie die ganze Region im persischen Hochland durch ein aktuelles Staudammprojekt gefährdet ist) oder die beiden, auf farbig glasierten Ziegeln dargestellten Leibgardisten aus Susa trefflich als Kopie zitieren – der Louvre war natürlich gut beraten, die fragilen beiden Herren nicht nach Speyer auf die Reise zu schicken. Zum Trost haben wenigstens babylonische Originalfragmente von glasierter Keramik hierher gefunden: die Darstellung eines Schuhs, eines Daumens und eines Gewandborten-Zipfels (ausgeliehen vom Vorderasiatischen Museum Berlin). Ob der Besucher, angelockt vom versprochenen Prunk eines alten Großreiches, damit zufrieden ist?

Immerhin wird ihm ja auch die Rekonstruktion der Palastanlage von Persepolis geboten (an der freilich noch immer gebaut wurde, als Alexander der Große sie 330 – nach anderen Berechnungen 332 - v. Chr. in Brand stecken ließ). Mit Persepolis hat es folgende Bewandtnis: Der deutsche Archäologe Ernst Herzfeld (1879-1948) hatte 1924 mit Ausgrabungen auf der Terrasse begonnen und ließ seine Vermessungen von dem jungen Berliner Architekten Friedrich Krefter (1898-1995) in Pläne umsetzen. Als Herzfeld 1934 die Arbeit abbrach, übernahm Krefter die Ausgrabungsleitung für ein Jahr und ging dann als Professor für Baugeschichte nach Teheran, später zurück nach Deutschland. Krefters Tagebuch seiner Arbeit in Persepolis galt lange als Opfer von Kriegswirren, aber es fand sich auf abenteuerliche Weise 2010 auf dem Fließband einer Kölner Altpapierfabrik und wurde aus purer Neugier von der Arbeiterin Wilma Droemont herausgeholt, die sich eigentlich nur für die Marken eines ebenfalls dort transportierten Briefes interessierte. Krefter hatte sein Tagebuch nebst anderen Dokumenten offenbar selbst versehentlich in den Papierkorb geworfen; bislang ist es unveröffentlicht, eine ZDF-Fernsehsendung informierte 2013 darüber und über seine Arbeit in Persepolis. Krieg und politische Konflikte hatten seinerzeit weitere Forschungen in Persepolis verhindert, aber für das Ausstellungsprojekt in der Villa Hügel 1962 fertigte Krefter bezaubernd lebendige Rekonstruktionszeichnungen, die bis heute die Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen abgeben, sowie zwei dreidimensionale Modelle. Das größere im Maßstab 1:200 ging 1967 als Geschenk der Bundesrepublik an Schah Mohammad Reza Pahlavi (der seine Herrschaft stets bis auf die Achämeniden zurückführte), während das kleinere Modell (Maßstab 1:1000) ins Museum für Ur- und Frühgeschichte nach Berlin ging.

Dieses letztere Modell wurde nun nach Speyer ausgeliehen, aber im Medienzeitalter schien das den Organisatoren nicht genug. Und so bildet eine auf Krefters Rekonstruktionen beruhende, virtuelle Wiederauferstehung der Palastanlage die Hauptattraktion der Ausstellung. Der iranische Architekt Kouroush (= Cyrus!) Afhami, unter anderem Mitarbeiter im renommierten Büro von Gottfried Böhm, und der Informationstechniker Wolfgang Gambke erarbeiteten gemeinsam eine bis in architektonische Details reichende Präsentation von Persepolis, in der man mittels Mausklick sowohl in der Ausstellung als auch am heimischen PC „herumwandern“ kann und die in der Schau anhand einiger dreidimensional gebastelter Säulen und Portale beeindruckt. Das Ganze fantasiert sogar die restlos verschwundenen Seerosenteiche herbei (falls es die in Persepolis wirklich gegeben hat), glänzt in bonbonfarbener Buntheit und klinischer Glätte, ohne jede Spur von Alltagsgebrauch oder gar Leben – eine Palastanlage, die mit der Realität so viel zu tun hat wie Cybergirl Lara Croft mit einer lebendigen Frau, mit anderen Worten: man fühlt sich eher abgeschreckt.

Das Cover des Ausstellungskatalogs unter Verwendung der 3D-Rekonstruktion des Palastes von Persepolis durch Kouroush Afhami und Wolfgang Gambke.
Historisches Museum der Pfalz Speyer (Copyright)

Wer diese Erfahrung vermeiden will, sollte vielleicht den normalen Rezeptionsprozess herumdrehen: nicht zuerst die Ausstellung besuchen und dann den Katalog durchblättern, sondern sich erst im Katalog informieren und dann nach Speyer fahren. Wer nämlich weiß, was er sieht, hat von den vielen kleinformatigen Exponaten dann doch noch etwas. Das Katalogbuch untersucht das Achämenidenreich in unterschiedlichen Textbeiträgen (aufgelockert durch die Fotoseiten der Exponate) auf alle möglichen Facetten hin. Da gibt es zunächst einen historischen Abriss (der leider sehr trocken und wenig anschaulich ausgefallen ist), dann Einzelkapitel über die trickreiche Thronbesteigung von Darius I., über die Jagd, die Verwaltung, die Münzporträts, die Rolle der Frauen, Kleidung, Religion, Schrift, die Ethnien im Vielvölkerstaat und und und ...

An die flüssig, ja spannend geschriebenen, populären Standardwerke von Walther Hinz und Heidemarie Koch reicht freilich keiner der Texte heran, und erneut muss man beklagen, dass für den Katalog auch kein einziger iranischer Autor herangezogen wurde. So ist es kein Wunder, dass das ganze Unternehmen ziemlich eurozentrisch bleibt und die Auseinandersetzung des antiken Griechenland mit den „barbarischen“ Persern einen Hauptakzent darstellt, so als könnten wir Europäer immer noch nichts vom Orient erfassen ohne den Umweg über das alte Hellas. Sogar die Darstellung des Perserreiches in der Bibel gibt ein eigenes Kapitel ab. Von der Lektüre wird natürlich niemand dümmer – nur mitgerissen wird sich auch kein Leser fühlen, und insofern ist von „Pracht und Prunk“ eines vergangenen Großreichs nicht viel mehr als ein leidlich elegant bewältigter Lückenbüßer in der Speyerer Ausstellungsplanung geblieben.

Info:

- „Das persische Weltreich. Pracht und Prunk der Großkönige“, Historisches Museum der Pfalz, Speyer, Domplatz 4, vom 9. Juli bis 29. Oktober 2006, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Katalogbuch im Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, Preis an der Museumskasse 24,90 Euro, im Buchhandel 29,90 Euro (260 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen) www.museum.speyer.de

- Persepolis-Rekonstruktion von Afhami/Gambs: www.persepolis3D.com

- Walther Hinz : „Darius und die Perser“, Holle Verlag, Baden-Baden 1976, ISBN 3-87355-165-9 (vergriffen)

- Heidemarie Koch: „Es kündet Dareios der König...“, Verlag Philipp von Zabern, 3. Auflage Mainz 2000, 310 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 24,80 Euro, ISBN 3-8053-1934-7 (vergriffen)

- Auffindung des Tagebuches von Friedrich Krefter: http://www.noz.de/deutschland-und-welt/politik/46237193/ein-55-jahre-altes-raetsel-ist-geloest

- Homepage von Friedrich Krefter, betreut von seinem Sohn Heiko Krefter: http://www.persepolis3d.com/krefter.htm

www.besucherzaehler-homepage.de/