Robert Longo "Men in the Cities"


Cover des Schirmer/Mosel-Bandes mit Robert Longos Fotografien zu dem Zyklus "Men in the Cities"

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Die Fotos auf dieser Seite sind dem Band entnommen (Copyright Robert Longo 2009/ courtesy Schirmer/Mosel Verlag)

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Übersicht Bildende Kunst

25-08-2009

Update 19-07-2015

Grotesker Tanz auf dem Dach

Robert Longos Fotoserie zu dem Zeichenzyklus „Men in the Cities“ als Bildband bei Schirmer/Mosel

Von Christel Heybrock

Es ist ein Ballett der Zuckungen und Verzerrungen, des Emporfliegens und zu Boden Stürzens. Junge Männer mit Schlips und Anzug, schöne junge Frauen in Cocktailkleidern. Was passiert da oben auf einer Dachterrasse in Manhattan/New York? Rätselhaft. Ebenso spielerisch wie erschreckend. Menschen scheinen sich fast zu zerreißen im Drang, ihren ureigenen Platz zu finden – aber offenbar ist Scheitern das einzige Ergebnis.

Der amerikanische Künstler Robert Longo, 1953 in Brooklyn geboren, wurde in den achtziger Jahren mit überlebensgroßen Kohlezeichnungen dieser verrenkten Figuren berühmt. Interpretieren ließen sich die rund zweieinhalb Meter großen Arbeiten nicht, aber gerade wegen ihrer düsteren Uneindeutigkeit waren sie von unglaublicher Suggestion, und dazu trug ihr realistischer Charakter intensiv bei. Der Münchner Schirmer/Mosel Verlag brachte 2009 nach rund dreißig Jahren die fotografischen Vorarbeiten für Longos Zeichenserie „Men in the Cities“ heraus, und auf den ersten Blick wird der Mythos scheinbar entzaubert von der Information, wie das alles zwischen 1976 und 1982 in der Praxis entstand: Longo setzte hemmungslos seine Freunde ein, und denen machte es offenbar auch Spaß, vor der Fotokamera grotesk in die Luft zu springen, sich zu krümmen, zu winden und in Schieflagen zu bringen.

Der 19-jährige Evan Sheppard beispielsweise wurde an einem Seil befestigt und übers Dach gezerrt, während er mit Gummibällen, Steinen und anderen Dingen beworfen wurde. In einem Interview, das Longo 1987 mit dem Drehbuchautor Richard Price führte, berichtet er: „Ich zählte bis drei, dann mussten die Modelle zusammenzucken, sich winden, krümmen, stürzen.“ Und: „In der Photosession ging es darum, eine Pose zu finden, die als Abstraktion der vorhergehenden fungierte, um zu einer Art Fuge zu kommen.“ Der Zyklus, an dem übrigens die damals noch unbekannte Cindy Sherman beteiligt war, mithin eine kaltschnäuzig arrangierte Effekthascherei?

Alles andere als das. Ausgelöst wurde der Gedanke zu diesen Bildern von einem Bild: Longo sah ein Filmstill aus Rainer Werner Fassbinders Streifen „Der amerikanische Soldat“. In der Schlussszene werden zwei Gangster erschossen, einer von ihnen krümmt sich nach hinten und scheint für den Bruchteil einer Sekunde zu schweben, bevor er fällt. Longo dazu: „In dem Bild steckt ein Knall von gigantischer Wirkung, und gleichzeitig ist es von einer unglaublich fließenden Anmut ... Psychotische Impulse wie die Gebärden der ‚Men in the Cities’ haben viel mit der Zeit zu tun, in der wir leben, dieses Hineinzucken ins Jetzt.“ Longo adaptierte die Filmszene zunächst für sein Triptychon „Men Trapped in Ice“, bei dem Männer mit den Füßen im Eis festgefroren sind und sich vergeblich zu befreien suchen – eine Szene, die der Künstler geträumt hatte.

Auch was er später auf dem Dach seines Studios mit den Freunden inszenierte, war im Grunde ein Alptraum, eine Choreographie diffuser Schrecken, die einen genau festgelegten Ablauf bekam: Nach jedem Foto, das Longo aus einer Unzahl weniger gelungener Szenen ausgewählt hatte, fertigte er eine Zeichnung an und legte danach die nächste Fotoszene fest: „Meistens hing im Atelier eine fertige Zeichnung an der Wand, nach der wir arbeiteten, wenn ich also einen Mann hatte, der nach vorn kippte, riss es den nächsten nach hinten und der dritte klappte zusammen.“ Longos Definition, er habe mit dem brisanten Wechsel der Gebärden eine „Art Fuge“ erzielen wollen, erhält hier ihren Sinn.

Blättert man den Bildband mit seinen 94 Tafeln durch, stellt man rasch eine verstörende Ambivalenz jeder einzelnen Aufnahme fest. Das Eingangsfoto zeigt einen jungen Mann, der sich, mit gestreckten Beinen hüpfend, zu verneigen scheint wie zu einer altmodischen Begrüßung – zugleich wirkt er wie eine Marionette, wie an Fäden gezogen. Der Verlag, der „seine“ Künstler ja immer optimal präsentiert, brachte stets auf Doppelseiten die Szenen unter, die sich in ihrer Kontrastwirkung aufeinander beziehen: Die Seiten 16 und 17 enthalten je einen in der Luft schwebenden Mann mit Bewegungsunschärfen, auf der linken Seite ist er mit verkrampft ausgestreckten Armen nach links gedreht, auf der rechten Seite in anderer Pose nach rechts gedreht. In beiden Fällen scheint die Bewegung den Mann aus den Seiten hinaus zu katapultieren; zudem lässt sich sowohl ein lebensgefährlicher Sturz aus großer Höhe als auch ein Freudensprung oder eine völlig irreale Szene assoziieren. Auf der Doppelseite 58/59 zuckt ein Mann grotesk zusammen, ein Arm erhoben, die Beine abgewinkelt, der Oberkörper fast im rechten Winkel nach unten abgeknickt – rechts daneben reißt es denselben Mann nach oben, er steht förmlich fliegend überm Flachdach, und man weiß nicht – springt er empor, freudig, gehetzt, verzweifelt, oder fällt er aus entsetzlicher Höhe?

Oft sorgt schon die Kamera mit ihrer Untersicht für Perspektiven, die aus der klassischen Wahrnehmung verschoben sind. Ein stämmiger und eigentlich sehr gesunder junger Mann wirkt mit einer intensiven Kopfdrehung nach oben psychotisch – da oben, wo er so heftig hinstrebt, ist Nichts. Und wenn die Kamera einem Mann mit seitlich gedrehtem Kopf und balancierend ausgebreiteten Armen fast unter die Achselhöhle blickt und mehr von seiner fliegenden Krawatte zu sehen ist als vom Gesicht, dann weiß man nicht: tanzt hier jemand? Bricht er zusammen? Es gibt keine Statik auf diesen Fotografiken, es gibt keine Sicherheit, weder in vertikaler noch in horizontaler Hinsicht und schon gar nicht im übertragenen Sinn. Manchmal kommen noch extreme Schatten hinzu, die der empor jagende und im nächsten Moment gekrümmte Körper an die Wand wirft. Selten sind Gesichter erkennbar, dafür fliegen nicht nur Arme und Beine, sondern auch Haare und Jacken, in einigen Fällen sogar die Fäuste, denn Longo balanciert mit dem Zyklus immer auch zwischen Gewalt und Leichtigkeit.

Mit weiblichen Modellen tat er sich etwas schwerer, die Frauen bringen eine andere Körpersprache ein und agieren mehr aus einem inneren Zentrum heraus als die Männer, die ortlos in der Luft hängen. Die Höhenflüge enden auf einigen Aufnahmen mit komplizierten Stürzen und Liegepositionen auf dem Boden, die alles andere als Ruhe suggerieren: So hilflos verdreht liegen Verkehrs- und Mordopfer. Der Verlag definiert Longos „Men in the Cities“ als modernen Totentanz, und das ist sicher zutreffend – aber es deckt nur einen Teilbereich ab, denn charakteristisch ist die irritierende Mehrdeutigkeit dieser Aufnahmen, die jeweils ein ganzes Spektrum an inhaltlichen Bedeutungen enthalten. Nicht zuletzt auch die, dass extremen Gefährdungen eine beeindruckende Ästhetik abgewonnen werden kann.

„Men in the Cities“ ist ein Kompendium existenzieller Grenzüberschreitungen und Unmöglichkeiten; der Drang nach Zielen, die jede Bodensicherheit zurücklassen, ist potentiell identisch mit dem Verlust des Lebens. Insofern macht Longos Zyklus eine grundsätzliche Bedingung menschlicher Existenz deutlich: Wir alle ringen um einen Platz zum Leben, der uns streitig gemacht wird, wir alle knicken ein, werden in die Enge getrieben, gehen Risiken ein, die wir nicht übersehen, wir alle können tödlich scheitern und bewegen uns am Rand der Vernichtung.

Longo, der 2005 den Goslarer Kaiserring erhielt, hat solche Extremsituationen, die von der scheinbaren Sicherheit des Alltags vernebelt werden, mit anderen Motiven und in anderen Techniken immer wieder verarbeitet. 1998 schuf er für die Heilig-Geist-Kirche in Landshut sieben riesige Paraffinkreuze, die sowohl Licht- als auch Leidenssymbol darstellen und den symptomatischen Titel haben „When Hell and Heaven Change Place“ (Wenn Hölle und Himmel den Platz wechseln). Diese Arbeiten deuten auf die enge Beziehung zwischen Longos Zeichenkunst und skulpturalen Arbeiten hin. Im Schirmer/Mosel-Band erläutert er im Interview mit Richard Price: „Ich liebe den Strich, der aus der Hand kommt, das ist eine Macht. Meine Zeichnungen sind wie Skulpturen, wenn ich mit Graphit und Kohle arbeite, verschmiere ich sie mit den Fingern, bewege sie physisch, sie sind wie Ton.“

Eine Retrospektive im Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain (MAMAC) in Nizza zeigte im Sommer 2009 Werke aus dreißig Jahren, darunter Teile aus den Zeichen-Zyklen „Perfect Gods“ mit riesigen Porträts von Haien und „Monsters“ mit Meereswellen. Möglich, dass sich in solchen Themen die tiefe amerikanische Angst vor Tieren und Naturgewalten äußert und dass man als Europäer weder Haie noch den Anblick sich überschlagender Wellen sofort als bedrohlich empfindet, beziehungsweise überhaupt auf sich selbst bezieht. Bei Longo bekommen die Haie jedoch eine fast mythische Dimension und lassen den Betrachter ahnen, welche archaische Bedrohung Lebewesen empfinden, die von anderen angegriffen und zur Beute gemacht werden. Und die „Monster“-Wellen symbolisieren nun vollends die Todesenergien der Natur, von denen hilflose Menschlein verschlungen werden können. Zugleich aber sind beide Zyklen von überwältigender Schönheit und fesseln den Blick durch ihre Schrecken ebenso wie durch ihre Vollkommenheit. Mit welchen Arbeiten von Robert Longo man sich auch immer auseinander setzt, man wird mit der Tatsache konfrontiert, dass menschliches Leben eine permanente Gratwanderung ist, ein heftiges Sichaufbäumen und ein Verlorengehen in Dimensionen, die wir nicht übersehen.

Infos:

- Robert Longo, „Men in the Cities“, Photographien 1976-1982, mit Texten von Cindy Sherman und Richard Price, Englisch/Deutsch, 128 Seiten, 94 Tafeln in Farbe und Duotone, Verlag Schirmer/Mosel, München 2009, ISBN 978-3-8296-0411-6, Preis 39,80 Euro, www.schirmer-mosel.com

- auf der Homepage des Künstlers sind alle großen Zyklen dokumentiert: www.robertlongo.com

- eine Biografie und umfangreiche Informationen über Longo im Webportal Artsy: https://www.artsy.net/artist/robert-longo

- Musée d'Art Moderne et d'Art Contemporain (MAMAC), Nizza, Retrospektive 1979-2009, vom 27. Juni bis 29. November 2009, www.mamac-nice.org

- Zu den Kerzen-Kreuzen in Landshut: http://www.ausstellungshaus.com/ausstellung_geistes_gegenwart.html, ein Foto auch auf http://www.robertlongo.com/portfolios/1026/works/32492

http://www.besucherzaehler-homepage.de/